Die Zustimmung für die Abtreibungsgegner*innen in Deutschland nimmt ab. Doch das macht die Bewegung nicht weniger gefährlich. Jedes Jahr im September protestieren Abtreibungsgegner*innen weltweit beim „Marsch für das Leben“. Doch die Veranstaltungen der deutschen „Lebensschutzbewegung“ verlieren Teilnehmende, wie bei ihrer diesjährigen Demonstration in Berlin zu sehen war. Aus dem Schweigemarsch, der mit Holzkreuzen Trauer über die „ungeborenen Kinder“ ausdrücken sollte, wollte der veranstaltende „Bundesverband Lebensrecht“ (BVL) eine Demonstration für die Freude am Leben machen. Aber Jugendliche in die erste Reihe zu stellen und Popmusik zu spielen, reicht dafür nicht aus. Dass die Bewegung an Zuspruch verliert, macht sie jedoch nicht harmloser. Stattdessen nähert man sich dem rechtsextremen Milieu an. (…) Jahr um Jahr betonten die Veranstaltenden, dass sie nicht verhindern könnten, dass extreme Rechte wie Burschenschaftler, Nazis, Identitäre und AfDler an den Märschen teilnähmen. Stattdessen distanzieren sie sich lediglich von ihren Inhalten und bemühten sich um die Unterstützung der Amtskirchen, die sich sehr deutlich von der AfD abgrenzen. In diesem Jahr schien das alles keine Rolle mehr zu spielen. Zwar liefen wieder einige Bischöfe mit und der Botschafter des Vatikans schickte ein Grußwort. Die Bewegung scheint darüber hinaus keine Anstrengungen unternommen zu haben, die für die Bewegung eigentlich wichtige Unterstützungserklärungen hochrangiger Kirchenvertreter zu organisieren. Stattdessen lief Beatrix von Storch, die stellvertretende Vorsitzende der AfD im Bundestag, ganz vorne mit. In einer Pressemitteilung vor dem Marsch beschuldigte von Storch die Regierung, „den Lebensschutz verfassungswidrig auszuhebeln“ und eine „Quasi-Aufforderung“ auszusprechen, „ungeborenes Leben zu töten“. (…) Mit Pablo Munoz Iturrieta sprach in Berlin als erster Redner ein „Kulturkämpfer“, der verkündete, man sei die schweigende Mehrheit, die „den Kampf gegen die Kultur des Todes“ gewinne. Die Bewegung hätte erreicht, dass Abbrüche in Deutschland illegal seien. Nächstes Jahr würde eine Million Abtreibungsgegner durch Berlin ziehen. Das könnte fast ein bisschen lächerlich sein, angesichts der abnehmenden Teilnehmendenzahlen, wäre der Kulturkampf gegen die „Kultur des Todes“ nicht eine Chiffre für ein autoritäres, fundamentalistisches Weltbild. Leben im Sinne Gottes Die Gegnerinnen werden als Anhänger einer „Kultur des Todes“ gebrandmarkt, die nicht Gott, sondern dem Teufel folgen. So werden alle als Böse abstempelt, die ihr Leben nicht von einem 2.000 Jahre alten Buch bestimmen lassen wollen, die Sex nicht nur zur Reproduktion haben, Linksliberale, Feministinnen, Antifa, trans Menschen, Lesben, oder wie Iturrietta in einem auf Youtube zu findenden Vortrag etwas freizügiger formuliert: „Perverse“.
via taz: Pro-Life-Bewegung :Nach rechts offen