Eine Lehrerin entdeckt auf einem Schülerheft einen beschmierten Davidstern, daneben das Wort „Dreck“. Ein Jugendlicher erzählt, ein Mitschüler sei wegen seiner Hautfarbe ausgegrenzt und als „Schwein“ dargestellt worden. Schüler grüßen mit einem vermeintlichen Taucher-Zeichen. Solche Vorfälle sind keine Einzelfälle, sondern Teil eines wachsenden Problems, das Lehrkräfte zunehmend beschäftigt: Der Rechtsextremismus dringt in den Schulalltag vor – mit Macht. Der Bayerische Rundfunk hat Ende 2025 rund 600 staatliche und kommunale Schulen im Freistaat befragt. Die Rückmeldungen zeichnen ein deutliches Bild. 66 Prozent der Schulen berichten von menschen- und demokratiefeindlichen Vorfällen im Schuljahr 2024/25, 74 Prozent ordnen diese dem politisch rechten Spektrum zu. Die geschilderten Beispiele reichen von antisemitischen Schmierereien bis zu rassistischen Ausgrenzungen im Klassenverband. Eine Lehrerin wird mit den Worten zitiert: „Das war auf dem Heft eines Schülers, (da) wurde ein Davidstern gekritzelt und dann ein Pfeil drauf, und da stand ganz groß ‘Dreck’.“ Ein Schüler beschreibt eine andere Situation: „Ein dunkelhäutiger Freund von mir (…) wurde immer ausgeschlossen – wegen seiner Hautfarbe. Und da haben sie immer so rassistische Sachen zum Beispiel auf die Tafel geschrieben oder zum Beispiel ihn als Schwein gezeichnet.“ Auch aus anderen Regionen werden ähnliche Beobachtungen geschildert. In Hessen etwa berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) von einer Grundschülerin, die ein NS-Marschlied singt, sowie von einem Neuntklässler, der eine Skizze von Auschwitz mit Hakenkreuzen anfertigt. Die betroffenen Schülerinnen und Schüler selbst verweisen dabei auf ihre Mediennutzung. Nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklären sie, sie seien durch Inhalte auf Plattformen wie Tiktok an entsprechende Darstellungen gewöhnt. „In manchen ländlichen Gebieten gibt es regelrechte Hegemonien, sodass sich nicht-rechtsextreme Leute verstecken müssen“ Bundesweit lässt sich ein deutlicher Anstieg entsprechender Vorfälle beobachten, auch wenn die Zahlen (die die Welt unlängst gesammelt hat) aufgrund unterschiedlicher Erfassungssysteme nur eingeschränkt vergleichbar sind. In Brandenburg etwa vervielfachte sich die Zahl gemeldeter Fälle zeitweise, in Hessen stieg sie von 39 im Jahr 2023 auf 159 im Jahr 2025. Nordrhein-Westfalen registrierte 461 politisch motivierte Straftaten an Schulen im Jahr 2025, nach 277 im Jahr 2023. Auch in Thüringen, Berlin und Rheinland-Pfalz werden steigende Zahlen gemeldet. Experten sehen darin nicht nur eine Zunahme einzelner Vorfälle, sondern eine strukturelle Entwicklung. Sven Daniel, Leiter des Kompetenzzentrums Rechtsextremismus beim hessischen Verfassungsschutz, beschreibt in der FAZ die Dynamik mit klaren Worten: „Seit 2023 beobachten wir, dass die Zahlen radikalisierter Minderjähriger deutlich steigen.“ Besonders auffällig sei, dass die Betroffenen immer jünger würden. Daniel spricht von einer „Speedradikalisierung“, da sich Jugendliche in digitalen Räumen schnell vernetzen und radikalisieren könnten. Diese Prozesse blieben nicht im Netz, sondern wirkten in den Alltag hinein. Zugleich beschreibt Daniel sehr konkret, wie sich rechtsextreme Codes und Ausdrucksformen verändert haben und wie schwer sie im Schulalltag zu erkennen sind. „Rechtsextremisten sind Medienprofis“, sagt er und verweist darauf, dass Inhalte gezielt so gestaltet würden, dass sie harmlos oder humorvoll erscheinen. Als Beispiel nennt er Beiträge, in denen historische Figuren wie Adolf Hitler in scheinbar alltäglichen, emotionalisierten Situationen gezeigt werden, etwa beim Streicheln eines Hundes, unterlegt mit populärer Musik und verfremdet durch Emojis. Solche Darstellungen wirkten anschlussfähig und senkten Hemmschwellen. Hinzu kommen Zeichen und Symbole, die im schulischen Alltag nicht unmittelbar als rechtsextrem erkannt werden. Daniel verweist auf das sogenannte Taucher-Zeichen, bei dem Zeigefinger und Daumen einen Kreis bilden, das in der Szene als Code für „White Power“ verwendet werde. Auch Zahlen- und Symbolkombinationen in digitalen Kommunikationsräumen spielten eine Rolle. So könnten etwa zwei Blitze in Chatgruppen für die SS stehen. Ziel dieser codierten Kommunikation sei es, Zugehörigkeit zu signalisieren, ohne sofort Aufmerksamkeit zu erregen. Die Ansprache Jugendlicher erfolgt dabei gezielt über Lebenswelt und Freizeitkultur. Daniel beschreibt, dass rechtsextreme Gruppen verstärkt auf Gemeinschaftserlebnisse setzen.
via news4teachers: Wenn die Grundschülerin ein NS-Marschlied singt… Der Rechtsextremismus dringt in den Schulalltag vor – mit Macht