Ein Mann tötet in einem jüdischen Viertel Montréals einen Anwohner und einen Polizisten. Sein Manifest verbindet Incel-Hass mit antikapitalistischer Sprache und antisemitischen Feindbildern. Ein ideologischer Hybrid, der aus bekannten Kategorien fällt und genau deshalb ernst genommen werden muss. Am Montag sind in einem jüdischen Viertel Montréals drei Menschen ums Leben gekommen. Laut Polizei handelt es sich bei den Toten um einen Anwohner, einen Polizisten und den mutmaßlichen Täter. Eine Polizistin wurde verletzt. Der Angriff hat in Kanada Entsetzen ausgelöst, wo schwere Gewalttaten dieser Art selten sind. Laut Polizeichef Fady Dagher sei es das erste Mal seit 24 Jahren, dass ein Polizist in Montréal im Dienst getötet wurde: „Es ist ein sehr, sehr trauriger Tag. Es ist ein Albtraum.“ In sozialen Netzwerken kursieren Aufnahmen, die den Verdächtigen in Militäruniform zeigen, mit einem Gewehr, am Boden liegend. Vor seiner Tat veröffentlichte der Täter ein über 100 Seiten langes Manifest, das Belltower.News vorliegt: ein akademisch verkleidetes Mobilisierungsdokument, das zur Fortführung politischer Gewalt aufruft. Neuer Hybrid: Incel-Ideologie, Antikapitalismus und Antisemitismus Dabei fällt das Manifest aus bekannten Kategorien heraus. Der Autor distanziert sich von anderen Terroristen. „Our terror is not like that“, heißt es. Sein Krieg richte sich nicht gegen die Massen, sondern gegen die vermeintlich Mächtigen. Doch diese Selbstpositionierung ist Teil einer ideologischen Konstruktion, die Incel-Ideologie, antikapitalistische Rhetorik und antisemitische Verschwörungsnarrative zu einem neuen Hybrid zusammenfügt. Der Täter zitiert Karl Marx, Lenin, Robespierre und Ulrike Meinhof. Was er daraus baut, beginnt allerdings nicht mit Revolution, sondern mit Selbstmitleid. Die Grundlage seiner Argumentation über die „Verkommenheit des Weibes” und die Übel der feminisierten Gesellschaft sind streng biologistisch und geschlechtsessentialistisch. Ausgehend von Evolutionsbiologie und -psychologie spricht er über die grundlegenden Unterschiede von Männern und Frauen, und deren angebliche Rolle bezüglich der Reproduktion. Die Existenz von trans Personen leugnet er, genauso wie dass es Unterschiede zwischen dem biologischen und sozialen Geschlecht gibt, währenddessen echauffiert er sich immer wieder über die LGBTQ-Bewegung. Der Hass auf Gender Studies und Kritik an patriarchalen Geschlechternormen erweist sich immer wieder als zentraler Punkt regressiver Ideologien. Problem „hypergame“ Frau Das Fundament des Manifests ist das Konzept des „Hypergamy State”, wonach Frauen ausschließlich attraktive, groß gewachsene Männer begehren würden – sogenannte Chads, die circa 20 Prozent der männlichen Bevölkerung ausmachen. Der Täter von Montréal begründet dies evolutionsbiologisch. Männer würden sich mit so vielen Frauen wie möglich paaren wollen, Frauen jedoch nur mit genetisch überlegenen Männern, die gesunde Nachkommen garantieren würden. Für den Täter ist die heterosexuelle monogame Beziehung – Incels meinen damit immer die Unterwerfung der Frau – etwas, was Männern tatsächlich Erfüllung bringt. Wie Incels generell macht er die romantische und sexuelle Bestätigung durch Frauen zur Grundlage einer glücklichen Existenz, um Frauen anschließend dafür zu hassen, dass sie diese Incels verweigern würden. Ein roter Faden im Manifest ist, dass die Gesellschaft lange Zeit ausschließlich von Männern geprägt und entwickelt worden sei. Diese glückliche, patriarchale Zivilisation, in der mehr oder weniger jedem Mann eine treusorgende Tradwife zur Seite steht, ist jedoch inzwischen auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Generell ist sein Bild von Frauen das für Incels typische: Sie würden aufgrund ihres Geschlechts permanent Vorteile erhalten, seien oberflächlich, materialistisch, beliebt, hätten keinerlei Probleme bei sozialen Interaktionen und seien ausschließlich von „Hypergamie” motiviert. Seine mäandernden und pseudointellektuellen Ergüsse sind außerdem geprägt von einem tief sitzenden und für Incels üblichen Hass auf selbstbestimmte weibliche Sexualität (interessanterweise erkennt er an, dass sexuelle Gewalt existiert, die würde aber primär von Männern wie Andrew Tate ausgehen). Kapitalismus gegen Monogamie Schuld an alledem sei nicht, wie man es meist bei Incel und anderen Rechtsterroristen erwarten würde, der Feminismus, sondern der Kapitalismus. Denn erst im „Hochkapitalismus” sei die Monogamie abgeschafft und durch Hypergamie ersetzt worden, so schreibt der Täter von Montréal. Die Frau könne nun ihren niederen biologischen Instinkten folgen und sich ausschließlich auf die Jagd nach Chads fokussieren, während die anderen 80 Prozent der Männer dazu verdammt seien, leer auszugehen oder sich um jene verkommenen Weiber zu streiten, die ihren „sexuellen Marktwert“ bereits aufgegeben, also Sex mit mehreren Männern hatten. Für Incels ist der „Wert“ einer Frau untrennbar an das patriarchale Konstrukt der Jungfräulichkeit gekoppelt..
via belltower: Incel-Querfront Das Manifest zum „antikapitalistischen“ Incel-Terror von Montréal
siehe auch: Schüsse in Montreal: Polizist, Zivilist und Verdächtiger tot Bei der Schießerei wurde ein Polizist getötet. Christopher Katsarov/The Canadian Press/AP/dpa Am helllichten Tag fallen in einem dicht bewohnten Viertel der kanadischen Metropole Montreal Schüsse. Dutzende sollen es laut Augenzeugen gewesen sein. Von einem „Alptraum“ spricht die Polizei. Bei einem Schusswechsel in der kanadischen Großstadt Montreal sind drei Menschen getötet worden. Neben einem Polizeibeamten und einem Zivilisten sei auch der mutmaßliche Angreifer unter den Toten, teilte die Polizei mit. Außerdem gebe es zwei Verletzte, darunter eine Polizistin. Die Hintergründe seien noch offen. Ein terroristisches Motiv werde ausgeschlossen, hieß es zunächst. In anderen Statements wurde darauf verwiesen, es sei zu früh für Hinweise auf ein Motiv. Weitere Verdächtige in dem Fall gebe es nicht. Die Schüsse fielen am Montagmittag (Ortszeit) an einem Hotel im Stadtteil Côte-des-Neiges. Das Viertel ist für seine große Einwandererbevölkerung und jüdische Gemeinde bekannt. Augenzeugen berichten von Dutzenden Schüssen. Der mutmaßliche Angreifer habe Tarnkleidung getragen. Stundenlang herrschte Chaos: Die Polizei warnte vor einem „bewaffneten und gefährlichen Verdächtigen“ und rief dazu auf, die Gegend zu meiden. Zeugen erzählten von lauten Schreien, von Menschen, die wegliefen und anderen, die sich verbarrikadierten. (…) Bei dem getöteten Zivilisten handelt es sich nach Angaben einer jüdischen Organisation in Kanada um ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Montreals. Örtlichen Medienberichten zufolge soll der Mann 68 Jahre alt gewesen sein. Videos, die nach der Tat im Internet kursierten, deuten laut Medienberichten darauf hin, dass er möglicherweise von Polizisten erschossen wurde. Die Polizei verwies dazu auf laufende Ermittlungen
