Missbrauchsdarstellungen, Erpressung, Vandalismus: Europol und FBI warnen vor »nihilistischer Gewalt«, einer neuen Form des Online-Extremismus. Recherchen von DOSSIER und der Organisation Cemas decken die Hintergründe der ersten Fälle in Österreich auf. Eine führende Figur aus der Szene um »White Tiger« hat sich in Neuhofen an der Krems in Oberösterreich niedergelassen, wo sich die Vorfälle ereigneten. (…) Aufgrund der Brutalität der Täter·innen warnen Europol und das US-amerikanische FBI seit einiger Zeit eindringlich vor der Gefahr, die von dieser Szene ausgeht. Vor allem junge Menschen vernetzen sich in sozialen Medien, meist Telegram oder Discord, um schwerste Gewalt auszuüben. Auch wenn es Überschneidungen zum Rechtsextremismus gibt, lässt sich kein klarer ideologischer Hintergrund erkennen. Die Taten werden wohl aus purem Hass auf die Gesellschaft durchgeführt – und um Anerkennung in den Online-Gruppen zu bekommen. (…) Während Medien im ganzen Land über die Bombendrohung in der Gemeinde berichten, wird die öffentliche Aufregung von einem ominösen Telegram-Kanal, den DOSSIER im Zuge der Recherche zusammen mit Cemas auswerten konnte, gefeiert: »We had some fun« (»Wir hatten ein bisschen Spaß«), schreibt ein User und postet einen langen Thread mit Links zu Medienberichten zu der Bombendrohung. Es folgt ein Bekennerschreiben – »What did I do« (»Was habe ich getan«) – als Kommentar zu einem Video des Polizeieinsatzes an der Schule. Auch der Vandalismus an den geparkten Autos wird auf Telegram dokumentiert: In einem Video verdeckt zunächst ein Zettel die Sicht, auf dem unter anderem Hakenkreuze zu sehen sind. Dann wird der Zettel weggezogen, und die Person hinter der Kamera schlägt die Heckscheibe eines Pkws mit einem Hammer ein. Die Nummerntafel ist sichtbar: Neben dem oberösterreichischen Wappen steht »LL«, also Linz-Land – zu dem Bezirk gehört auch Neuhofen an der Krems. Die Hintermänner der Gewalt-Chatgruppen Warum ereignen sich diese beiden Fälle gerade in einer kleinen oberösterreichischen Gemeinde? DOSSIER-Recherchen weisen darauf hin, dass ein 23-jähriger Mann etwas damit zu tun haben könnte, der in der gewaltbereiten Online-Szene kein Unbekannter ist: ein User, der sich »Riley« nennt. Da er Missbrauchsdarstellungen von seinen minderjährigen Opfern beschaffte, verbreitete und verkaufte, saß er bis vergangenes Jahr in der Strafanstalt in Codlea, rund 200 Kilometer nördlich von Bukarest. Er wurde vorzeitig entlassen und ist mittlerweile in Österreich ansässig – und zwar in Neuhofen an der Krems. Anhand einer Meldebestätigung konnte DOSSIER seinen Wohnort feststellen: Er ist nur wenige Gehminuten von einem der Tatorte entfernt. Hilfe im Krisenfall Berichte über (mögliche) Suizide können bei Personen, die sich in einer Krise befinden, die Situation verschlimmern. Es gibt österreichweite und bundesländerspezifische Anlaufstellen, die Rat und Unterstützung im Krisenfall anbieten. Die österreichweite Telefonseelsorge ist jederzeit unter 142 gratis zu erreichen. Hilfe für junge Menschen bietet auch Rat auf Draht unter der Nummer 147. »Riley« gehört einer Gruppierung an, die sich »764« nennt und Teil eines Netzwerks ist, in dem auch der bislang bekannteste Täter »White Tiger« operierte. Hinter dem Pseudonym steckt Shahriar J. aus Hamburg, der Mitte Juni 2025 im Alter von 20 Jahren verhaftet wurde. Ihm wird vorgeworfen, über mehrere Jahre hinweg mehr als 30 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis 15 Jahren zu Selbstverletzungen angestiftet und ihnen teils schwere sexuelle Gewalt zugefügt zu haben, darunter sogenannte Cybervergewaltigungen. Eines seiner Opfer soll er gar in den Suizid getrieben haben, weshalb Shahriar J. auch wegen Mordes angeklagt ist. Typisch für die Vorgangsweise des »White Tiger«-Netzwerks ist das sogenannte Grooming. Dabei täuschen die Täter·innen ein Vertrauensverhältnis vor und versuchen, private Details oder intime Fotos der Opfer zu erlangen, womit diese in weiterer Folge mitunter erpresst werden. Häufig suchen Täter·innen gezielt nach psychisch labilen Jugendlichen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen für psychische Probleme. Auch »Riley« hat in der Vergangenheit durch die Anwendung von Grooming Minderjährige dazu bewegt, sexuelle Handlungen vor der Kamera durchzuführen – während er zusah und den Bildschirm abfilmte. DOSSIER liegen hunderte Nachrichten aus den letzten acht Monaten vor, die mit dem Alias »Riley« verfasst wurden. Die Informationen in den Nachrichten weisen darauf hin, dass der nun in Neuhofen an der Krems ansässige Mann hinter den Accounts steckt und wieder aktiv im Aufbau von »764«-Gruppen auf Telegram ist. Der Einblick in die Chats ist erschreckend: Darin finden sich neben gewaltverherrlichenden Postings auch Bilder und Videos von Selbstverletzungen, insbesondere junger Frauen. »Riley« entscheidet als Admin in Gruppen, über die nur mit Einladungslink beigetreten werden kann, wer etwas schreiben darf. Mit seiner Bekanntheit in der Szene lockt er zudem über öffentliche Kanäle neue Mitglieder an.
via dossier.at: »Nihilistische Gewalt« erreicht Österreich
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