Sieben Autoren, ein Hinterhof in Kreuzberg: Der Spiegel hat Julian Reichelt getroffen – und enthüllt, warum die AfD Nius als ihre wichtigste Brücke zu CDU-Wählern betrachtet. Der Spiegel hat eine umfangreiche Recherche über Julian Reichelt und sein Portal Nius veröffentlicht – unter dem Titel „Die neue, alte Welt des Julian Reichelt”. Sieben Autoren – Alexander Kühn, Ann-Katrin Müller, Martin U. Müller, Marcel Rosenbach, Vicky Bargel, Jonas Schaible und Anton Rainer – haben den ehemaligen Bild-Chefredakteur unter die Lupe genommen. Sie haben Reichelt persönlich getroffen – in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg, wo die Nius-Redaktion sitzt. Das Gespräch dauerte anderthalb Stunden. Reichelt selbst sagt: „Ich bin konsequent furchtlos geworden. Ich sehe mich als Teil einer medialen Befreiungsbewegung.” Gotthardt: Der väterliche Freund und Millionen-Mäzen Als Reichelt bei Bild rausflog, meldete sich Frank Gotthardt. Der Multimillionär hält heute 88,5 Prozent an Nius und soll mehr als 50 Millionen Euro in das Portal investiert haben. Gotthardt sah Reichelt als Opfer einer medialen Kampagne. Seitdem verbindet beide eine ungewöhnlich enge Beziehung: Gotthardt bezeichne Reichelt vor Dritten als genialen Medienmann und wahren Freund, berichtet der Spiegel. Einer, der Nius mit auf den Weg gebracht hat, beschreibt das Verhältnis plastisch: Gotthardt und Reichelt wirkten wie Vater und Sohn. Reich gemacht hat Gotthardt seine Koblenzer Firma CompuGroup Medical, die Software für Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken vertreibt. Den Reputationsschaden, den das ideologisch getriebene Projekt Nius dem Kerngeschäft womöglich beschert, nehmen die Gotthardts laut Spiegel in Kauf. Reichelt und Trump: Zwei, die sich als Opfer inszenieren Der Spiegel zieht einen ausführlichen Vergleich zwischen Reichelt und Donald Trump. Beide verstünden es, sich als Opfer zu inszenieren, obwohl sie Teil des Establishments seien. Beide hätten die klassischen Medien zu ihren Feinden erklärt und unterstellten ihnen Lügen. Beide gäben Volksnähe vor. (…) Zur AfD stellt der Spiegel fest: Nius werde in der Partei als Bereicherung empfunden – egal wen man frage. Das Portal bespiele „Themen, die für uns wichtig sind”, sagt ein AfD-Mann. Noch deutlicher wird ein anderer: „Sie hilft Leuten, die eigentlich eher zur CDU tendieren, ohne Umwege zu uns herüberzulaufen.” Nius etabliere einen hetzerischen Ton auch jenseits der rechtsradikalen Blase und mache die Konservativen nervös. Wie vertraut die Partei mit Nius ist, zeigt ein Detail vom CDU-Parteitag in Stuttgart: Als AfD-Politikerin Beatrix von Storch dort erfuhr, dass Nius die Aussagen Daniel Günthers verfälscht hatte, soll sie sich laut Insidern entrüstet gezeigt haben – der Spiegel beschreibt das so, als wolle sie gute Freunde zurechtweisen. Storch bestreitet das. Im Bundestagswahlkampf sah Nius zudem kein Problem darin, mit AfD-Kandidatin Alice Weidel einen gemeinsamen Instagram-Post zu verschicken. Reichelt selbst distanziert sich im Spiegel-Gespräch – ein Stück weit: Er sei nicht für Schwarz-Blau, solange die AfD so sei, wie sie aktuell sei.
siehe auch: Die neue, alte Welt des Julian Reichelt Sein Portal »Nius« hetzt gegen Migranten, trans Menschen und verbreitet völkisches Gedankengut. Was Julian Reichelt bei »Bild« begonnen hat, setzt er nun fort, finanziert von einem Multimillionär. (…) »Nius« ist so etwas wie die deutsche Miniversion von Fox News oder The Daily Wire, beides rechte US-Propagandamedien. Reichelt ist damit ein Kunststück gelungen: »Nius« steht nicht nur deutlich rechts von seinem früheren Arbeitgeber »Bild«, es geht auch noch freihändiger mit der Wahrheit um. Wer eine Weile durch die »Nius«-App scrollt, empfindet bild.de anschließend als erholsam. Während das Springer-Blatt die journalistischen Grenzen öfter mal austestet, sie aber weitgehend respektiert, setzt »Nius« vornehmlich auf Propaganda. (…) »Nius« nennt sich »Stimme der Mehrheit«. Doch im September schaffte »Nius« es nicht einmal in die Liste der 100 wichtigsten Onlinemedien des Branchenportals Meedia. Mit 5,69 Millionen Visits reichte es für Rang 115. Der ähnlich weit rechts außen stehende Konkurrent »Tichys Einblick«, finanziell weniger üppig ausgestattet, belegte mit 6,39 Millionen Visits Rang 104. Reichelt sagt, man habe die »Nius«-Klientel untersuchen lassen: »Die größte Gruppe sind CDU-Wähler, die zweitgrößte AfD-Wähler, danach kommt SPD, gefolgt von BSW und FDP.« Das mit der CDU ist ihm wichtig. Es ist die Partei, die ihm Relevanz gegeben haben soll. »Die bei der CDU lieben uns, die wollen ständig mit uns reden«, behauptet Reichelt. Unter den treuesten Gästen findet sich zwar auch der FDP-Altvordere Wolfgang Kubicki, fast schon ein »Nius«-Maskottchen. Die Liste der Unionsgrößen aber, die »Nius« in den vergangenen Jahren Interviews gegeben haben, ist bemerkenswert. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Söder (CSU). CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Der heutige Innenminister Alexander Dobrindt, damals noch CSU-Landesgruppenchef. JU-Chef Johannes Winkel. Klaus Holetschek, Chef der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag. Die Bundestagsabgeordneten Christoph Ploß und Caroline Bosbach äußerten sich regelmäßig. (…) Glaubt man Reichelt, sind die Zeiten günstig für »Nius«: »Wenn über uns geschrieben wird, wir würden Hass und Hetze verbreiten – dann verfängt diese Parole nicht mehr.« Dabei ist selbst die gängige Bezeichnung »Krawallportal« zu harmlos für ein Medium, das auch mal rassistisches und völkisches Gedankengut verbreitet. Und dessen Autoren Sätze schreiben wie diesen: »Wenn es keine ›höheren‹ Kulturen gibt, wieso fliehen dann die Menschen aus den ›niederen‹ Kulturen immer in dieselben ›höheren‹ Länder und nicht in friedliche ›niedere‹ Länder?« Vor einigen Wochen schwurbelte »Nius«: Das Volk werde »überhaupt nur von der AfD noch in seiner ethnischen Form anerkannt. Für wen das Deutschsein also mehr ist als nur der Besitz eines Passes, findet dort seinen politischen Anknüpfungspunkt«. Erlaubt ist, was Klicks bringt, gern auch in der extrem rechten Blase. Ganz gleich, ob es der Wahrheit entspricht. Daniel Günther von der CDU wurde im Januar ungewöhnlich deutlich. Im ZDF-Talk »Markus Lanz« sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident: In »Nius«-Artikeln, mit denen er etwas zu tun habe, »stimmt in der Regel nichts«. Portale wie »Nius« seien »Feinde der Demokratie«. Danach trat Reichelt eine Kampagne gegen Günther los. Bis heute behauptet »Nius«, Günther wolle das Portal abschaffen. Davon war eigentlich nicht die Rede. Doch viele glaubten das, weil »Nius« eine zusammengeschnittene Version von Günthers Auftritt verbreitete, die diesen Eindruck erweckte. Es sind Techniken, wie man sie von Donald Trump kennt.
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