Hass im Netz nimmt zu. Beleidigungen und Drohungen im Internet haben gravierende Folgen. Betroffene ziehen sich zurück. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für unsere Demokratie? Beleidigungen, Drohungen, sexualisierte Gewalt: Was früher auf der Straße passierte, findet heute immer häufiger im Internet statt – mit teilweise erheblichen Folgen im realen Leben. Für dieses Phänomen hat sich der Begriff der digitalen Gewalt etabliert. Der Begriff digitale Gewalt steht dabei für verschiedene Formen von Angriffen auf Personen im digitalen Raum. Eine einheitliche gesetzliche Definition des Begriffs liegt bislang nicht vor. Laut der Studie “Lauter Hass, leiser Rückzug – Wie Hass im Netz den demokratischen Diskurs bedroht – Ergebnisse einer repräsentativen Befragung aus dem Jahr 2024” haben 49 Prozent der Befragten schon Beleidigungen im Netz erlebt. Ein Viertel wurde mit körperlicher Gewalt und dreizehn Prozent mit sexualisierter Gewalt konfrontiert. Wer ist besonders betroffen? Besonders häufig betroffen sind nach eigenen Angaben Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund mit einem Anteil von 30 Prozent, junge Frauen zu ebenfalls 30 Prozent und Menschen mit homosexueller (28 Prozent) oder bisexueller (36 Prozent) Orientierung. Dies kann bei den Betroffenen zu psychischen (35 Prozent) sowie körperlichen (18 Prozent) Beschwerden führen. Zudem ziehen sie sich viele deswegen aus dem Diskurs zurück (41 Prozent). Mehr als die Hälfte der Befragten bekennt sich aus Angst im Netz seltener zur eigenen politischen Meinung (57 Prozent), beteiligt sich seltener an Diskussionen (55 Prozent) und formuliert Beiträge bewusst vorsichtiger (53 Prozent). 89 Prozent stimmen der Ansicht zu, dass Hass im Netz in den vergangenen Jahren zugenommen hat und 76 Prozent sind besorgt, dass durch Hass im Netz auch die Gewalt im Alltag zunimmt. In der ″Studie Angegriffen & alleingelassen: Wie sich digitale Gewalt auf politisches Engagement auswirkt. Ein Lagebild″ untersuchten Janina Steinert, Angelina Voggenreiter und Luise Koch von der Hochschule für Politik an der TUM, in welchem Umfang und in welcher Form politisch engagierte Menschen in Deutschland digitale Gewalt erleben und welche Auswirkungen diese auf das Verhalten und die Bereitschaft der Befragten hat, politische Verantwortung zu übernehmen. Für die Studie wurden über 1.000 politisch engagierte Personen aus verschiedenen Ebenen des politischen Systems befragt. Darunter waren hauptsächlich Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien, die auf allen Ebenen – von der Kommune bis zur Bundesebene – tätig waren. Weitere Studienteilnehmer waren Aktivisten, Wissenschaftler, Journalisten, Publizisten und Parteimitglieder ohne politisches Mandat. (…) Die Studienergebnisse zeigen, dass mehr als die Hälfte der politisch Engagierten bereits Opfer digitaler Gewalt wurde, wobei Frauen besonders häufig betroffen waren. 68 Prozent der betroffenen Frauen berichteten von geschlechtsspezifischer Gewalt wie Sexismus oder Frauenhass, und fast ein Viertel von ihnen erhielt Androhungen physischer sexueller Gewalt wie Vergewaltigungsdrohungen. Männliche Betroffene wurden hingegen häufiger mit anderen Formen körperlicher Gewalt bedroht, wie Schlägen oder Mord (51 Prozent). Personen, die digitale Gewalt erlebten, berichteten auch häufiger von Erfahrungen mit analoger Gewalt. Die Folgen digitaler Gewalt sind gravierend: Betroffene Frauen verändern oft ihre öffentliche Kommunikation oder erwägen, sich aus der Politik zurückzuziehen, obwohl sie in Parteien und Parlamenten ohnehin unterrepräsentiert sind. Die Studienergebnisse verdeutlichen, dass digitale Gewalt das politische Engagement in Deutschland gefährdet und damit eine tragende Säule der parlamentarischen Demokratie bedroht.

via tp: Hass im Netz: Wenn Worte zu Waffen werden und die Demokratie gefährden

Symbolbild; KI-generiert