Drei Monate nach der Festnahme des mutmaßlichen Verfassers der „NSU 2.0“-Drohschreiben sind noch immer Fragen offen. Wie der Mann an die persönlichen Daten der Empfänger der Schreiben kam, ist unklar. Drei Monate ist es her, dass die Polizei die Wohnung des Mannes gestürmt hat, der die rechtsextremen Drohschreiben mit der Unterschrift „NSU 2.0“ verfasst haben soll. Alexander M., ein 53 Jahre alter Berliner, arbeitslos. Einer, von dem die Ermittler sagen, es gebe nicht nur handfeste Hinweise darauf, dass er die Briefe verfasst habe. Auch seine Persönlichkeit deute darauf hin. Er wird beschrieben als jemand, in dem sich Größenwahn mit beachtlicher krimineller Energie verbinde. Wohl auch deshalb, so vermuten die Ermittler, habe er sich so lange in Sicherheit gewähnt. Hat über zwei Jahre lang mutmaßlich Dutzende Schreiben abgesetzt, eines schlimmer als das andere, mit expliziten Drohungen und Schilderungen, was er seinen Opfern antun wolle. Die Opfer waren fast ausschließlich Frauen, entweder mit Migrationshintergrund oder der Linkspartei angehörig. Die prominentesten unter ihnen waren die Linken-Abgeordnete Janine Wissler und die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz, die das erste und danach immer weitere Schreiben erhielt. Dennoch kamen die Ermittler des Hessischen Landeskriminalamtes (LKA) Alexander M. auf die Spur. Inzwischen sind sie überzeugt, dass er der Urheber ist. Dennoch ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Denn die Ermittlungen sind „komplex“, wie der zuständige Frankfurter Oberstaatsanwalt Sinan Akdogan sagt. Noch immer sind einige Fragen offen. Vor allem wollen die Ermittler herausfinden, wie der Verfasser an die Daten der Opfer gekommen ist (…) Es gebe zwar die Hypothese, dass die sensiblen Daten wie Privatadressen, Geburtsdaten und Namen von Familienangehörigen der Opfer über Trickanrufe bei verschiedenen Behörden „abgeschöpft“ worden seien. Akdogan betonte, dass dieses sogenannte Social Engineering jedoch nur eine von vielen Möglichkeiten sei. „Wir ermitteln ergebnisoffen.“ Man werde sich nicht auf eine Theorie festlegen. Inzwischen heißt es auch in der Polizei, man halte mehrere Möglichkeiten für denkbar. Unmittelbar nach der Festnahme hatte das LKA noch den Eindruck erweckt, für die Ermittler stehe quasi fest, dass der Drohbriefschreiber im Fall der Anwältin Basay-Yildiz im 1. Polizeirevier in Frankfurt angerufen und sich als Kollege ausgegeben habe. Auf diese Weise sei er an die entsprechenden Daten gelangt. Dass die Beamtin, die zu diesem Zeitpunkt im Computersystem der Polizei eingeloggt war, Teil der daraufhin aufgedeckten rechtsextremen Chatgruppe gewesen sei, könne Zufall sein. Als der Verfasser mit dieser Masche Erfolg gehabt habe, so die Vermutung, sei er dabei geblieben.

via faz: „NSU 2.0“: Woher stammen die heiklen Daten?