In der Türkei wird gegen queere Vereine und Institutionen ermittelt. Derweil wurde der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu zum zweiten Mal verurteilt. In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist die türkische Polizei mit bislang beispiellosen Razzien gegen die LGBTIQ+-Community des Landes vorgegangen. In 15 Städten durchsuchte die Polizei Clubs, Lokale und andere Treffpunkte der Community. Schon zuvor war von LGBTIQ+-Vereinen berichtet worden, dass ihre Konten in den sozialen Medien geschlossen und Vorstandsmitglieder festgenommen wurden. Im Auftrag der Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft wurde in praktisch allen Großstädten und an einigen Urlaubsorten an der Mittelmeerküste gegen alle vorgegangen, die mit der Regenbogenflagge in Verbindung gebracht werden konnten. Gegen 169 Verdächtige wird ermittelt, zwischen 26 und 50 Personen wurden bereits verhaftet. Neben den öffentlich als schwule oder queere Treffpunkte bekannten Kneipen geht es vor allem um neun Vereine, die sich für die Interessen der LGBTIQ+-Community einsetzen. Der größte und bekannteste davon ist der Istanbuler Kaos-Verein. Dort wurden allein rund 20 Mitglieder verhaftet. Alle Vorstandsmitglieder wurden in der Nacht zu Hause verhaftet. Betroffen sind aber auch die Vereine an den großen Universitäten, bei denen ebenfalls Razzien stattfanden und Clubs gesperrt wurden. Die gesamte Operation läuft unter dem Namen „Sicherheit für meine Familie“. Die Staatsanwaltschaft wirft den gesuchten oder bereits verhafteten Personen vor, sie hätten versucht, Minderjährige zu beeinflussen und in ihren Dunstkreis hineinzuziehen.
via taz: Razzien in der Türkei Schlag gegen die LGBTIQ+-Community
siehe auch: LGBTIQ-Razzien in der Türkei Repressionen als Gradmesser des Demokratieabbaus. Kommentar von Wolf Wittenfeld Präsident Recep Tayyip Erdoğan geht mit aller Härte gegen Minderheiten und politische Gegner vor. Sein Ziel: das Ende der säkularen Republik. Homosexualität wird in den meisten islamisch geprägten Staaten mehr oder weniger drastisch strafrechtlich verfolgt. Im Iran etwa droht Schwulen die Todesstrafe. So weit ist es in der säkularen Türkei noch nicht. Doch die Säkularität erodiert im gleichen Maße wie die Demokratie, die den pluralistischen Staat erst ermöglichte. Noch ist Homosexualität nicht verboten, doch die heutige Türkei nimmt der LGBTIQ+-Community gezielt die Luft zum Atmen. Die massenhaften Verhaftungen in der queeren Community sind Strategie. Fast 25 Jahre ist Recep Tayyip Erdoğan an der Macht. In dieser Zeit hat die Türkei sich dramatisch verändert. Noch vor gut zehn Jahren gab es in Istanbul Pride-Paraden mit mehreren Zehntausend Teilnehmer*innen. Und noch 2019 gelang es dem Oppositionspolitiker Ekrem İmamoğlu bei demokratischen Wahlen, Erdoğan und seiner AKP die wichtigste Metropole Istanbul abzunehmen. Beides ist heute nicht mehr denkbar. Pride-Paraden sind verboten und İmamoğlu sitzt seit über einem Jahr in Haft und muss ein absurdes Urteil nach dem anderen ohnmächtig hinnehmen.
