Eine evangelische Kita in Badbergen stand am Pranger, wegen eines Sexualkonzepts, das gesetzlich vorgeschrieben ist. Sechs Wochen später ist die Wut abgeklungen – aber die Folgen sind spürbar. Was bleibt vom Shitstorm, den eine AfD-Abgeordnete losgetreten hat? (…) Die AfD-Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt hatte das gesetzlich verpflichtende sexualpädagogische Konzept der evangelischen Kita in Badbergen als „pervers“ bezeichnet. Besonders ein Satz daraus ging viral: „Kinder entdecken ihren Körper und ihre Genitalien als Lustquelle.“ Er wurde tausendfach geteilt – und als vermeintlicher Beleg für „Frühsexualisierung“ interpretiert. In den Kommentarspalten war schnell von Pädophilie die Rede. (…) Normales Arbeiten sei unmittelbar nach dem Posting nicht möglich gewesen, berichtet Cierpka. Den Kirchenkreis erreichten bis zu 100 Nachrichten täglich – viele voller Beschimpfungen. Die Chefin der Kita in Badbergen wurde bedroht: „Ihr wurde gesagt: Wir wissen, dass du mit Fahrrad zur Arbeit fährst – das war massiv”, sagt die Pädagogische Leitung Wolff. Besonders auffällig: Die Absender der Hassnachrichten kamen aus dem gesamten Bundesgebiet. „Da schreibt nicht jemand aus der Nachbarschaft, der sich sorgt – da wird gezielt Stimmung gemacht“, sagt Superintendent Joachim Cierpka. Auch Vanessa Behrendt, deren Post den Shitstorm auslöste, stammt nicht aus der Region. Sie lebt in Helmstedt, östlich von Hannover. Ein direkter Kontakt mit der Verfasserin des Posts kam nach Angabe des Kirchenkreises trotz Anfrage nicht zustande (…) „Für uns ist das Ausdruck eines größeren Problems“, sagt Cierpka. „Es geht nicht um Formulierungen, sondern um gesellschaftliche Grundfragen.” Der Angriff auf das Konzept stehe exemplarisch für einen größer werdenden Kulturkampf etwa um Rollenbilder, Sexualität und pädagogische Freiheit. Gerade in Regionen mit konservativem oder evangelikalem Milieu, sagt er, werde zunehmend Druck auf Einrichtungen ausgeübt – teils mit religiöser, teils mit politischer Motivation. Begriffe wie „Masturbation“ oder „Doktorspiele“ würden gezielt skandalisiert, aus dem Zusammenhang gerissen und emotional aufgeladen. Nur selten sei es gelungen, mit den Menschen in Kontakt zu treten. „Wir beantworten jede Mail, aber haben schnell gelernt, dass es vielen nur darum geht, ihren Frust loszulassen”, sagt Wolff. Trotz Dutzender Mails und Gesprächsversuche erinnern sich die Verantwortlichen an nur einen Fall, in dem es gelungen sei, in den Dialog zu treten. „Da kam eine wütende Mail, wir haben geantwortet – und es gab Verständnis”, sagt Wolff. Während in Bramsche immer noch Nachrichten beantwortet werden, setzt Vanessa Behrendt ihre Kampagne gegen vermeintliche Frühsexualisierung fort

