Auf Social Media boomt die Branche der Christfluencer. Sie sind meist jung und weiblich und reden über sich selbst, die Welt – und Gott. Eine neue KI könnte ihnen nun Konkurrenz machen.(…) Ende 2024 überstieg die Zahl der Konfessionslosen erstmals die der Katholiken und Protestanten. Durch Austritte und Todesfälle verloren beide großen christlichen Kirchen im vergangenen Jahr mehr als eine Million Mitglieder. Außerhalb der Kirchen indes boomt die Branche der Christfluencer. So werden Christen genannt – zumeist sind sie jung und weiblich –, die online über ihren Glauben sprechen. Sie präsentieren sich auf YouTube, TikTok und Instagram und erreichen Hunderttausende. Ihr Ton ist ruhig und fröhlich. Ein Video-Rundgang durch die eigene Wohnung erzeugt Nähe. Einige geben Schminktipps, bei anderen wird ein Banner eingeblendet, das Gebete anbietet. „Schreibe uns, für wen wir beten sollen.“ Im Hintergrund spielt meditative Musik. „Disco, Sauna, Bikinifotos – was darf ich als Christ tun?“ Darüber spricht Jana Highholder, die bis 2020 auf einem YouTube-Kanal der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aktiv war. Der hieß „Jana glaubt“. Dann machte sie sich selbstständig. Ihre Themen kreisen um Gott, Bibeltreue, traditionelle Familienwerte. (…) Die meisten Christfluencer sind konservativ, einige rechts. „Such dir einen Mann aus, der deiner Unterordnung würdig ist“, heißt es in einem gemeinsamen Podcast von Jana Highholder und Jasmin Friesen. Deren Account heißt „Liebe zur Bibel“. In einem anderen Podcast sagt eine junge Influencerin mit mehreren Millionen Followern: „Wenn du einen Mann Gottes willst, musst du halt auch eine Frau Gottes sein.“ Die Rhetorik erinnert an Charlie Kirk Aussagen der Bibel – zur Familie, den Geschlechtern, der Homosexualität – werden von Christfluencern wörtlich ausgelegt, eine historisch-kritische Exegese entfällt. Die Rhetorik erinnert an Charlie Kirk, den US-amerikanischen politischen und religiösen Aktivisten, Podcaster und Autor, der im September ermordet worden war. Auch Kirk ging unter Menschen, diskutierte mit ihnen, versuchte zu bekehren und zu missionieren. Ebenso Jasmin Friesen. Sie führt Straßengespräche mit Musliminnen („was junge Musliminnen über Jesus denken“), geht zur Pride Parade und spricht über Homosexualität, trifft Satanisten, um sie vom Teufel abzubringen. Scheu kennt sie keine. Leonard Jäger hat auf TikTok, Instagram und YouTube zusammen rund eine Million Follower. Auf Social Media nennt er sich „Ketzer der Neuzeit“. Auch er ist ein Teil jener „Purity Culture“-Bewegung, die in den USA entstand und Abtreibung ablehnt, klare Geschlechterrollen propagiert sowie Keuschheit vor der Ehe.
via tagesspiegel: „Disco, Sauna, Bikinifotos – was darf ich tun?“ : So reden Christfluencer von ihrem Glauben