Schon kurz nach der tödlichen Amokfahrt von Magdeburg verbreiten Rechte und Rechtsextreme Falschmeldungen und instrumentalisieren die Tat. Nachdem bekannt wurde, dass der Tatverdächtige ein Islamfeind und AfD-Unterstützer war, kommen neue Behauptungen und Verschwörungserzählungen dazu. Auch Elon Musk mischt mit. In rechten und rechtsextremen Kreisen ist man nach der Todesfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt um Schadensbegrenzung bemüht. In der Nacht zu Samstag wurde bekannt, dass der Tatverdächtige Taleb A., ein Arzt und Psychiater aus Saudi-Arabien, der seit 2006 in Deutschland lebt, offenbar ein Islamfeind ist, der Angela Merkel den Tod wünschte und schon seit 2016 öffentlich seine Unterstützung für die AfD bekundete. „Das ist die Wahrheit über den saudi-arabischen Terroristen, der heute ein Auto in den Weihnachtsmarkt in Magdeburg gesteuert hat“, beginnt Naomi Seibt noch in der Nacht ein Video auf der Plattform X (ehemals Twitter), das bis zum Samstagmorgen schon mehr als 1500‑mal verbreitet wurde. Die 24‑Jährige aus Münster hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur in Deutschland einen Namen als rechtsextreme Influencerin gemacht. (…) „Dieser Mann war ein Migrant, der nach Saudi-Arabien ausgeliefert werden sollte, aufgrund eines Antrags der saudi-arabischen Regierung selbst. Die deutsche Regierung hat das aber verweigert“, sagt Seibt. Dabei bezieht sie sich auf unbestätigte Angaben saudi-arabischer Twitter-Nutzer und Influencer. Seibt betont: „Das wäre nicht passiert, wenn die AfD an der Macht wäre.“ Grenzschließungen und Abschiebungen, wie von der AfD gefordert, hätten die Tat verhindert, behauptet sie. Dabei kam Taleb A. gar nicht als Asylbewerber nach Deutschland, überquerte auch nicht unerlaubt die deutsche Grenze. Aus Interviews, die A. vor einigen Jahren der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Frankfurter Rundschau“ gegeben hat, geht hervor, dass er im Jahr 2006 im Rahmen seiner Facharztausbildung nach Deutschland kam, anschließend als Arzt in Deutschland arbeitete und erst 2016 einen Asylantrag stellte, weil ihm im Falle einer Rückkehr nach Saudi-Arabien eine Tötung wegen seiner Abkehr vom Islam drohe. Aufgrund seiner Beschäftigung als Facharzt hätte A. jedoch wohl auch ohne den Asylantrag weiter in Deutschland leben können. Seibt verbreitet auch das Gerücht, A. könne insgeheim ein saudischer Agent gewesen sein, mit dem Auftrag, abtrünnige Saudis und Ex‑Muslime in Deutschland auszuspionieren. Ob das stimme, sei am Ende gar nicht relevant, erklärt die rechtsextreme Influencerin. Für sie ist klar: „Dieser Mann war ein Migrant, der nicht hier sein sollte. Das ist alles, was zählt.“ (…) Schon kurz nach der Tat – und lange bevor der Hintergrund des Tatverdächtigen bekannt wurde – hatten Rechte und Rechtsextreme am Freitagabend begonnen, Falschmeldungen über die Todesfahrt von Magdeburg zu verbreiten und sie für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. (…) Auch der ehemalige Polizist Sven Kleuckling, der seit 2016 zunächst vom Polizeidienst in Sachsen-Anhalt suspendiert und 2021 entlassen wurde, beteiligte sich auf der Kurzvideoplattform Tiktok an der Verbreitung von Falschmeldungen. Es gebe fünf Täter, von denen drei auf der Flucht seien, behauptete er in einem Video – er habe das von Polizisten erfahren. Auch Kleuckling verbreitete die Falschmeldung von Schüssen im Einkaufszentrum. Sein Tiktok-Account mit mehr als 45.000 Followern wurde mittlerweile gesperrt
via rnd: Falschmeldungen und Hetze Wie Rechte die Todesfahrt von Magdeburg instrumentalisieren
siehe auch: Wirre Vorwürfe in Videos – Mutmaßlicher Attentäter von Magdeburg hatte Kontakt zu Kölner Staatsanwaltschaft. Der mutmaßliche Täter von Magdeburg veröffentlichte nach der tödlichen Fahrt über den Weihnachtsmarkt einige Videos bei X. Merken Schrift Drucken Teilen Am Tag nach dem tödlichen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg am Freitagabend werden immer mehr Details über den Täter bekannt. Taleb A. trat in den sozialen Netzwerken als radikaler Islam-Kritiker auf und veröffentlichte noch kurz nach seiner Todesfahrt über den Alten Markt in Magdeburg mehrere Videos auf seinem X-Account. Dort erhebt der saudische Arzt, der in Bernburg zwischen Magdeburg und Leipzig gearbeitet hat, schwere Vorwürfe gegen deutsche Behörden, darunter auch die Staatsanwaltschaft in Köln. Mehrmals ist in den Videos ein Schriftstück der Kölner Behörde zu sehen. Taleb A. erhebt dort auch Vorwürfe gegen einen in Köln ansässigen Verein, der in der Flüchtlingshilfe aktiv sein soll. Mutmaßlicher Attentäter hatte Kontakt zur Staatsanwaltschaft in Köln Der mutmaßliche Attentäter hatte nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ tatsächlich im vergangenen Jahr schriftlichen Kontakt mit der Staatsanwaltschaft in Köln. Im Februar 2023 soll Taleb A. demnach eine Kölnerin wegen Untreue angezeigt haben. (…) Am Freitag behauptete Taleb A. dann in seinen jüngsten Videos, der USB-Stick sei ihm von deutschen Behörden gestohlen worden und warf der Bundesrepublik vor, er dürfe keine Kamera an seinem Briefkasten installieren oder eine Waffe tragen. Von Sozialismus in Deutschland war in den wirren Videos aus dem X-Profil mitunter die Sprache. Fünf Täter, eine angeblich auf dem Weihnachtsmarkt deponierte Bombe, und vermeintlich 34 Tote: All diese Behauptungen wurden bereits kurz nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Magdeburg in den sozialen Netzwerken verbreitet. Und alle sind nach jetzigem Stand der Ermittlungen falsch.Allen voran von rechtsextremen Kreisen aus wurde schnell versucht, die Tat politisch zu nutzen und die Stimmung durch Falschbehauptungen zu befeuern. Ganz vorne mit dabei der rechtsextreme Österreicher Martin Sellner, der unter anderem in seinem Telegramkanal zahlreiche Posts zu Magdeburg verfasste, noch bevor überhaupt Informationen von offiziellen Stellen veröffentlicht worden sind.Falsche Angaben zur Herkunft des TätersSellner und auch viele weitere Akteure aus dem rechten Spektrum behaupteten beispielsweise direkt nach der Tat, dass es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen Syrer gehandelt habe. Von einigen Accounts wurde dabei das Bild gezeichnet, dass es sich um einen Geflüchteten gehandelt habe, der im Zuge der Asylkrise 2015/16 nach Deutschland gekommen sei. Auch reichweitenstarke Kanäle aus dem Ausland mit rechter Agenda übernahmen dieses falsche Narrativ, um gegen den Islam und die Politik der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel zu hetzen.Dabei gab die Polizei gestern Abend bekannt, dass es sich bei dem festgenommenen Tatverdächtigen um einen 50-jährigen Mann handelt, der aus Saudi-Arabien stammt und 2006 nach Deutschland kam. In Sachsen-Anhalt soll er zuletzt als Arzt im Fachbereich der Psychotherapie gearbeitet haben.Nach bisherigen Erkenntnissen sei er den Behörden nicht als Islamist bekannt gewesen. Seit 2016 hat er den Asylstatus als politischer Flüchtling. Nach eigenen Angaben soll er sich bereits Ende der 1990er-Jahre vom Islam losgesagt haben und gilt als Oppositioneller zum saudi-arabischen Königshaus.Auf dem mutmaßlichen X-Account des Tatverdächtigen sind sowohl islamfeindliche Inhalte zu finden als auch Posts, die sich explizit gegen Merkel und ihre Asylpolitik wenden. “Merkel müsste den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen als Bestrafung für ihr kriminelles Geheimprojekt, Europa zu islamisieren”, heißt es in einem Post von ihm.
