Die AfD knüpft zunehmend engere Verbindungen zu neurechten und christlichen Akteuren. Influencer, Aktivisten und Politiker formen ein vermeintlich christliches Netzwerk nach amerikanischem Vorbild. “Wir schaffen uns selbst ab und werden ersetzt durch Menschen aus Kulturen, die ihre Kinder nicht töten, sondern die sich vermehren!”, predigte Tobias Riemenschneider in einem Sitzungssaal des Bundestags im vergangenen Oktober. Auf Einladung der AfD sprach der freikirchliche Baptistenpastor anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Gruppe “Christen in der AfD”.Der Pastor, der mit Videos auch im Internet sehr erfolgreich predigt, sprach an diesem Tag immer wieder über die Notwendigkeit, Gott in den Mittelpunkt der Politik zu stellen. Und über Abtreibung: “Gott warnt: Ein Volk, das unschuldiges Blut vergießt – das Land wird es ausspucken.” Seine Sprache ist voller völkischer Anleihen, die an die Verschwörungserzählung des “Großen Austauschs” erinnern.Vorwürfe, die Riemenschneider auf Anfrage des ARD-Magazins Monitor allesamt von sich weist: Er lehne völkischen Rassismus strikt ab und habe lediglich “das Töten ungeborenen Lebens” kritisiert. Doch er stellt das Thema in den Kontext eines drohenden Untergangs des (deutschen) Volkes. Riemenschneider beendete seinen Auftritt mit einem Aufruf an die anwesenden AfD-Abgeordneten: “Retten Sie unser Land. Gott helfe Ihnen dabei.” Sein Auftritt reiht sich in eine zunehmende Instrumentalisierung des christlichen Glaubens: Weltweit instrumentalisiert die radikale Rechte christliche Symbolik für ihre Ziele. Die evangelische Theologin Sarah Vecera warnt gegenüber Monitor vor dieser Entwicklung: “Ich würde nicht sagen, dass das tatsächlich christliche Werte sind, aber das sind Muster, die man instrumentalisieren kann.”Mit Riemenschneider auf dem Podium bei der AfD saß auch Beatrix von Storch, die stellvertretende Bundessprecherin. Auch an ihrer Person wird deutlich, wie nah sich die in Teilen rechtsextreme Partei und neurechte, christliche Influencer mittlerweile sind.Storch gehört zu den Verfassern eines AfD-Strategiepapiers, das skizziert, welche Wählergruppen die Partei zunehmend in den Fokus nimmt. Ein zusätzliches Wählerpotenzial sieht man unter anderem bei “konfessionellen Christen”. Helfen sollen dabei offenbar auch von Storchs Kontakte in den USA und ein Netzwerk von christlich-rechten Influencern in den sozialen Netzwerken. Dies zeigte sich etwa beim Bundesparteitag der AfD in Riesa im vergangenen Januar: Hier produzierte einer der erfolgreichsten christlich-rechten YouTuber zahlreiche Videos. Leonard Jäger, so sein bürgerlicher Name, hat allein bei Youtube knapp 600.000 Follower, erreicht in den sozialen Medien Millionen von Menschen. Von der Partei bekam er eine Akkreditierung als “AfD-Medien”, konnte sich im Gegensatz zu Pressevertretern offenbar auch hinter den Kulissen frei bewegen.Mehr als eine Millionen Aufrufe verzeichnete allein sein Interview mit Alice Weidel, die in Riesa zur “Kanzlerkandidatin” der AfD gekürt wurde. Auf Anfragen, warum dieser exklusive Zugang nicht in den Videos transparent dargestellt wurde, antwortete er nicht. Auch nicht auf die Frage, ob die Partei ihn dafür vergütet hat
via tagesschau: Politik mit Religion Wie die AfD das Christentum für sich nutzt
siehe auch: Rechte Christfluencer: So beeinflussen sie Jugendliche in Social Media. Auf YouTube, Instagram und Co. verbreiten rechte Christfluencer ihren Glauben an Gott mit rechten Parolen und Werbung für die AfD. Welche Methode dahintersteckt. Das kurze Video, das Leonard Jäger in seinem Instagram-Account an der ersten Position angeheftet hat, fasst gut zusammen, worum es ihm geht. In dem fast 30 Sekunden langen Clip erzählt Jäger, wie er zum Christentum bekehrt wurde und anfing zu beten. Grundsätzlich nichts Ungewöhnliches – schließlich gibt es tausende Accounts auf Social Media, die sich mit Religion und Glauben beschäftigen. In Jägers Fall entscheidend ist aber, wem er von seiner Bekehrung erzählt: der Co-Vorsitzenden der AfD, Alice Weidel. Jäger, der sich auf Social Media “Ketzer der Neuzeit” nennt, gehört zu einem Netz junger, christlicher Influencer, die auf den ersten Blick vor allem über ihren Glauben sprechen, ihre Liebe zu Gott, und andere inspirieren wollen, sich im Leben an christlichen Werten zu orientieren. Schaut man jedoch genauer hin, stellt man fest, dass Jäger – genau wie andere Influencer und Influencerinnen aus dem Netzwerk – Stimmung gegen Migranten, queere Menschen und Andersdenkende macht. Dabei verbreiten sie immer wieder rechte Verschwörungserzählungen und machen Werbung für die AfD, die der Verfassungsschutz im Mai als “gesichert rechtsextremistisch” eingestuft hatte, wogegen die Partei juristisch vorgeht. Bis zum Gerichtsurteil wird die AfD beim Verfassungsschutz also weiter als Verdachtsfall geführt.