“Echte Männer sind rechts“ – das auf Social Media viral gegangene Video des AfD-Politikers Maximilian Krah ist mehr als nur ein lapidares Bekenntnis zu traditionellen Familien- und Geschlechterrollen. Es ist vielmehr der strategische Versuch, junge Menschen niedrigschwellig an AfD-Positionen heranzuführen.[1] Im provokanten Politainmentstil bespielt die Partei auf den digitalen Plattformen unpolitisch anmutende Themen rund um die Probleme und persönlichen Unsicherheiten junger Männer und spricht diese damit direkt an. Aussagen wie „Du bist kein non-binäres Einhorn“[2] sollen die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht bekräftigen und vermitteln darüber hinaus eine klare Vorstellung davon, wie soziale Realität und gesellschaftliche Ordnung auszusehen haben. Damit ist die AfD überaus erfolgreich, wie die demographische Verteilung der Wahlergebnisse in Sachsen, Thüringen und Brandenburg illustriert hat.[3] Jeder vierte Mann zwischen zwölf und 25 Jahren verortet sich laut Shell-Jugendstudie 2024 rechts oder eher rechts, während es vor fünf Jahren noch nicht einmal jeder fünfte Mann war. Parallel dazu orientieren sich junge Frauen eher nach links und propagieren deutlich öfter progressive Werte.[4] Weil offenbar gerade junge Männer die gesellschaftliche Neuverhandlung von Geschlechterrollen und Männlichkeit sowie die damit einhergehende zunehmende Gleichberechtigung der Geschlechter als subjektiven Rückschritt empfinden, sind sie besonders empfänglich für die Botschaften populistischer Polarisierungsakteure. In einer unübersichtlichen Welt erklären diese das liberale System zur Ursache der Krise und inszenieren sich als Rebellen gegen das politische Establishment. Dessen Politik basiere auf der Zensur bestimmter Meinungen und forciere die ökonomische Benachteiligung von heterosexuellen Männern. Damit knüpfen sie an eine Internetcommunity an, die junge Männer mit unpolitischen Themen wie Fitness und Selbstoptimierung anspricht und die wir aufgrund ihrer Verbindung einer alpha-männlichen Privatidentität mit einer libertären Gesellschaftsvorstellung als „Alphatäre“ bezeichnen. Alphatäre verstehen sich als Nutzenmaximierer, die einer Vorstellung vom Leben als „survival of the fittest“ anhängen und ihr Identitäts- und Selbstwertgefühl daraus schöpfen, dass sie sich in dieser vermeintlich „wahren Realität“ optimal behaupten – durch radikale Selbstermächtigung und den Ausstieg aus der politischen Solidargemeinschaft. Damit aber ebnen sie einer antiliberalen Geisteshaltung den Weg. Andrew Tate: Kämpfer gegen die »feministisch-liberale Matrix« Wie eng die Wahlkampfstrategien autoritärer Populisten mit den Lifestyle-Themen digitaler Subkulturen verknüpft sind, zeigte der US-Wahlkampf: Während Donald Trump von seinem Wahlkampfteam gezielt in bekannten Podcasts positioniert wurde, riefen einige Makroinfluencer mit hoher Reichweite direkt zu dessen Wiederwahl auf. Der in Rumänien lebende britische Influencer und selbsternannte Life-Coach Andrew Tate, der auf „X“ über knapp zehn Millionen Follower verfügt und von seinen Fans als provokative Ikone eines archaischen Männlichkeitsideals gefeiert wird, pries Trump als „letzte Hoffnung für die westliche Zivilisation“[5] und verstärkte dessen Botschaften in den Echokammern einer überwiegend jungen, männlichen Zielgruppe. Seine dortige Popularität hat weniger mit seinem politischen Aktivismus zu tun als vielmehr mit seinem unpolitischen Werdegang. Dieser umfasst eine Kickboxkarriere, die Gründung dubioser, auf der Ausbeutung junger Frauen beruhender Webcam-Model-Agenturen – wegen derer Tate sich aktuell in Rumänien vor Gericht verantworten muss[6] –, und spekulative Investmentberatung in Kryptowährungen. In seinen Maskulinitätsdiskursen deutet Andrew Tate vermeintlich unpolitische Themen wie wirtschaftlichen Aufstieg, körperliche Selbstoptimierung und Geschlechtsempfinden zu Elementen einer antiliberalen Identitätsbildung um – und genau das macht sie politisch relevant. Grundlegend für den von Tate propagierten existenziellen Kampf um Selbstermächtigung ist der Begriff der Matrix, der in bewusster popkultureller Analogie zum gleichnamigen Blockbuster ein angebliches Herrschaftssystem der Superreichen beschreibt. Dieses kontrolliere die breite Masse der Bevölkerung mittels „Indoktrination und gesellschaftlicher Programmierung“ mit dem Ziel, sie in einen „vollständigen Sklaven-Modus“ zu drängen, um die herrschende sozioökonomische Hierarchie aufrechtzuerhalten und den Profit der Geldelite zu maximieren.[7] Dieses „gezielt manipulierte“ System ziele darauf ab, „die Reichen reicher zu machen und die Armen arm zu halten“. Den Staat sieht Tate als ein Werkzeug der Superreichen, der das moderne Sklaventum systematisch fördere, indem er eine tyrannische Steuer- und Geldpolitik betreibe. Zentrales Vehikel dabei sei die Macht der Regierung über das Geld, das sie „nach Belieben aus dem Nichts erschaffen“ könne, während die „normalen“ Menschen darauf „programmiert“ seien, den Großteil ihres Tages zu investieren, um dieses Geld zu verdienen – allein um sich damit „Essen und ein Dach über dem Kopf“ leisten zu können.[8]
via blätter: Maskulin und libertär – Wie Influencer Rechtspopulisten den Weg bereiten