Eine militante Neonazi-Subkultur im Netz propagiert Gewalt. Neue Zahlen zeigen: In dieser Parallelwelt »Terrorgram« sind Hunderte Rechtsextreme aus Deutschland aktiv. Viele sind noch Jugendliche. Die SPIEGEL-Recherche. »Hunter« nennt sich der junge Deutsche auf der Messenger-App Telegram, »Jäger«. Und er lässt keinen Zweifel daran, wo er politisch steht. Er stamme aus einer »NatSoc Family«, einer nationalsozialistisch eingestellten Familie, schreibt er auf Englisch. Bei ihnen in Sachsen gebe es weniger »Nicht-Weiße« als im Westen des Landes, und die extreme Rechte sei auf dem Vormarsch, »vor allem die militante Szene«. In einem Chat mit einem vermeintlichen Gesinnungsgenossen wird »Hunter« noch deutlicher. Er trainiere eine Gruppe Jugendlicher und junger Männer von 13 bis 25 Jahren, schreibt er. Dazu postet er Fotos von Geländemärschen in Flecktarn. Ab und an würden sie nach Polen oder Tschechien fahren, offenbar für Schießübungen. Er wolle, so behauptet »Hunter«, im Wald Sprengtests mit einem Gemisch aus Diesel und Dünger machen. Sein Vorbild: Timothy McVeigh, der sprengte 1995 in Oklahoma ein US-Bundesgebäude. Der Neonazi aus Ostdeutschland heißt mit echtem Namen Jörg S. Was er während des Chats nicht weiß: Sein Gegenüber arbeitet als verdeckter Ermittler für die US-Bundespolizei FBI. Über ihren Verbindungsbeamten in Berlin warnt die Behörde den deutschen Verfassungsschutz und den Generalbundesanwalt. Nach monatelangen Ermittlungen verhaftet die Polizei im November 2024 Jörg S. und sieben weitere Männer. Sie sollen die Terrorgruppe »Sächsische Separatisten« gegründet haben. Der Anwalt von Jörg S. ließ eine Anfrage unbeantwortet, in früheren Stellungnahmen hatte er die Terrorvorwürfe bestritten, es handele sich um eine »relativ harmlose Wandergruppe«. Nach Überzeugung der Behörden gehören Jörg S., 24, und Mitstreiter zu einer militanten rechtsextremen Subkultur, die seit einigen Jahren junge Männer auf der ganzen Welt anzieht. Ihre Gruppen tragen Namen wie »Atomwaffen Division« , »National Socialist Brotherhood« oder »The Base«. Sie sehnen sich nach einem Tag X, an dem die staatliche Ordnung kollabiert, und propagieren Gewalt gegen Juden, Schwarze, Migranten. Rechtsextreme Terroristen wie Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen ermordete, oder Stephan Balliet, der 2019 in Halle (Saale) eine Synagoge angriff und in der Nähe des Gotteshauses zwei Menschen tötete, verehren sie als »Heilige«. Experten bezeichnen das Phänomen als »militanten Akzelerationismus« . Anhänger dieser Ideologie glauben an den Niedergang des Westens und wollen diesen durch Anschläge beschleunigen. Die Szene vernetzt sich vor allem über den aus Dubai betriebenen Messenger Telegram, ihr loses Netzwerk aus Kanälen und Chatgruppen wird daher auch als »Terrorgram« bezeichnet. Auf Fotos tragen sie mitunter Totenkopfmasken über dem Gesicht, ihre digitalen Pamphlete wimmeln vor Hakenkreuzen und Gewaltfantasien. Deutschland müsse »restlos im Chaos versinken«, bevor wieder »etwas Normales entstehen« könne, schrieb der Neonazi Jörg S. in einem Chat. An anderer Stelle fantasierte er von einem »weißen Dschihad«.
via spiegel: Rechtsextreme Chatgruppen bei Telegram »Großartig, ich wünsche ihm gute Jagd«
siehe auch: Deutsche im Terrorgram-Netzwerk: Eine Dunkelfelduntersuchung zur Aktivität deutscher User im Militanten Akzelerationismus. Das Research Paper Deutsche im Terrorgram-Netzwerk: Eine Dunkelfelduntersuchung zur Aktivität deutscher User im Militanten Akzelerationismus liefert erstmals empirische Ergebnisse zur Einbindung von Usern mit lokalem Bezug zu Deutschland in das transnationale rechtsterroristische Terrorgram-Netzwerk auf der Plattform Telegram. Der Militante Akzelerationismus stellt eine ernstzunehmende Bedrohung für die demokratische Gesellschaft dar – spätestens seit 2018 ist ein Anstieg von Aktivitäten der Szene zu beobachten, darunter der rechtsterroristische Anschlag in Halle 2019 sowie weitere vereitelte Anschlagsplanungen. Die Analyse unterstreicht das vorhandene Bedrohungspotenzial und zeigt, dass deutsche User aktiv in das Rechtsterror-Netzwerk eingebunden sind: 83 sogenannte Heavy User mit besonders hoher Aktivität, von denen ein erhöhtes Gefahrenpotenzial ausgeht, konnten bislang unter den deutschen Usern identifiziert werden. Deutlich wird auch, dass Reaktionen Telegrams trotz der anhaltenden Gefahr unzureichend bleiben: In von der Plattform selbst bereitgestellten Informationen zeigt sich, dass weniger als fünf Prozent der identifizierten Gruppen bislang gesperrt wurden. Dabei sind Plattform-Sperrungen ein effektives Mittel, um radikalisierte Nutzer aus dem Netzwerk zu entfernen.
