Die Forscherin Lea Lochau erklärt, was Tradwifes und Alleingebärende mit Rechtsextremismus zu tun haben – und warum so viele Frauen AfD gewählt haben, obwohl diese ein antifeministisches Frauenbild propagiert. Jede und jeder Fünfte hat bei der Bundestagswahl im Februar für die in Teilen als rechtsextrem eingestufte AfD gestimmt. Was das für die Gleichstellungs- und Familienpolitik in Deutschland bedeuten könnte, erklärt Lea Lochau, Fachreferentin bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. (…) Aber noch mal: Jede und jeder Fünfte in Deutschland scheint das zu unterstützen. Woran liegt das? Es gibt in Teilen der Bevölkerung starke antifeministische Narrative und eine Retraditionalisierung der Rollen. Das kann auch eine Reaktion auf die multiplen Krisen derzeit sein, das Bedürfnis nach Sicherheit in wirtschaftlich und sozial unsicheren Zeiten. Generell gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen, was rechtsextreme oder antifeministische Einstellungen anbelangt. Am progressivsten wählen junge Frauen in der Großstadt, am konservativsten ältere Männer auf dem Land. Das ist die größte Diskrepanz, die wir momentan messen. Hat der Feminismus einen Fehler gemacht, indem er ein einziges Rollenbild für Frauen propagierte, das der emanzipierten, arbeitenden Frau – und damit andere Lebensmodelle abwertete? Natürlich kann die Vielfalt an Themen und Möglichkeiten Menschen auch überfordern. Wir sehen aber ganz klar eine Kulturkampfstrategie von rechtskonservativen bis rechtsextremen Kreisen. Das Wort Genderstudies, also Forschung, die sich mit der Bedeutung für Geschlecht in Politik und Gesellschaft beschäftigt, ist mittlerweile sehr negativ konnotiert. Viele nehmen dem gegenüber eine ablehnende Haltung ein, ohne sich damit auseinander gesetzt zu haben. (…) Ideologie wird hier oft durch eine Verharmlosung weitergegeben. Das funktioniert sehr gut über soziale Medien wie Instagram und Tiktok und mit Themen, die erst einmal unpolitisch scheinen. Vor allem Frauen übernehmen im Netz die Aufgabe, Ideologie zu streuen. Das sehen wir beispielsweise an den sogenannten Tradwifes. Also Frauen, die sich als traditionelle Hausfrau und Mutter inszenieren und teils große Reichweiten haben. Kann man ihnen allen eine politische Agenda unterstellen? Nein, aber ihre Lebensweise ist sehr gut anschlussfähig an völkische Gruppen, die sie mit anderen Bausteinen ihrer Ideologie verknüpfen. Ich habe mich zum Beispiel mit dem Thema Alleingeburten beschäftigt, also wenn Frauen ihre Kinder ohne jede Hilfe zur Welt bringen. Es gibt Frauen, mit vielen Followern, die dieses Thema propagieren. Einige gehören zu völkischen Kreisen, haben Anschluss an die Reichsbürgerszene. Erst einmal geht es nur um das Thema Alleingeburt, aber dann werden zum Beispiel Wissenschaftsfeindlichkeit oder Ideen aus dem Querdenkertum damit verknüpft. Der Grad zwischen naturnaher Lebensweise und Rechtsesoterik ist mitunter schmal.

via StZ: Expertin über Rückfall in traditionelle Rollen Tradwives und die AfD – „Auch Frauen sind rechtsextrem und antifeministisch“