In Hannover-Ahlem bedrohen Rechtsradikale eine junge Frau rassistisch und schänden die dortige Gedenkstätte. Die Zivilgesellschaft reagiert kaum. Es sind verstörende Botschaften, die Mit­ar­bei­te­r*in­nen der Gedenkstätte Ahlem vergangene Woche auf der „Wand der Namen“ vorfinden. Rechtsextreme Propaganda und Verherrlichung des Nationalsozialismus überdecken an mehreren Stellen die über 3.000 dunklen Steintafeln. Namen, Geburts- und Todesdaten sollen auf dem Außengelände der früheren israelitischen Gartenbauschule eigentlich an jene erinnern, die in dem zur Gestapo-Außenstelle gemachten Gebäude auf dem Weg in den Tod inhaftiert oder gleich hier ermordet wurden.(…) Wer durch den 12.000-Seelen-Stadtteil im Westen von Hannover läuft, würde wohl auf den ersten Blick nicht darauf kommen, dass Rechtsextreme versuchen, diesen als ihr Gebiet zu markieren. Reihenhäuser mit adrett gepflegten Vorgärten drängen sich aneinander. Dazwischen liegen eine Kleingartenanlage und ein Tümpel, zu dem nur An­lie­ger­in­nen Zugang haben. Ansonsten ist der Stadtteil von Wohnblocks geprägt. Ganz am Rand sind in einer ehemaligen Schule Geflüchtete untergebracht. Ein Fünftel aller Ein­woh­ne­rin­nen hat keinen deutschen Pass. Damit liegt Ahlem im hannoverschen Durchschnitt. Seit Monaten überschwemmen hunderte rechte Sticker und Parolen das Viertel. Kaum ein Laternenpfosten und Stromkasten auf den Hauptstraßen sind verschont geblieben. In krakeliger Schrift steht vor dem ehemaligen Gemeindezentrum: „Antifafreie Zone“. Ein Lagebild, veröffentlicht durch das Recherche Netzwerk Hannover, sammelt die Daten zur rechtsextremen Raumnahme. Die hat bereits vor drei Jahren begonnen. Im August 2019 tauchten erstmals vereinzelte NPD-Aufkleber rund um den Endhaltepunkt der Straßenbahn auf. Im Januar 2020 wurde dann ein eingeritztes Hakenkreuz in den Gedenktafeln festgestellt, die nun wieder geschändet wurden. Im Verlauf des Jahres seien weitere Hakenkreuzschmierereien im Umfeld der Gedenkstätte aufgetaucht. Danach habe es noch vereinzelte Sticker der NPD im Stadtteil gegeben. Im März 2022 zogen die lokalen Ver­schwö­rungs­ideo­lo­g*in­nen an der Gedenkstätte vorbei. In diesem Sommer tauchten dann hunderte Sticker auf. Eine neue Qualität erreichte die rechte Raumnahme im Juni – denn es blieb nicht bei Propaganda. Eine junge Deutsche mit kurdischen Wurzeln wurde an der Wunstorfer Landstraße beleidigt und bedroht, als sie eine Gruppe junger Männer beim Verkleben rechter Sticker ansprach. „Wenn ich dich das nächste Mal hier sehe, fahr ich dich tot“, habe ihr einer der Männer zugerufen, sagt Hêvî Keskesor (Name geändert) der taz am Telefon.

via taz: Neonazis durchdringen Stadtteil :Landnahme von rechts