Querdenker inszenieren sich als Teil einer internationalen Bewegung. Vieles davon ist Propaganda – doch gerade militante Gruppen vernetzen sich und lernen voneinander. Brennende Barrikaden in Rotterdam. Menschenmassen auf den Straßen von Paris. Eine Kranzniederlegung gegen das angebliche Corona-Regime, irgendwo in der deutschen Provinz. Auch in Rom und London, glaubt man einschlägigen Telegram-Kanälen, wird gegen finstere Mächte hinter der angeblich geplanten Corona-Pandemie protestiert. Deutsche Verschwörungsgläubige könnten meinen, sie seien Teil einer internationalen Bewegung. So fühlt sich offenbar auch Querdenken-Aktivist Markus Haintz. Auf seinem Telegram-Kanal, dem rund 100.000 Menschen folgen, postet der ehemalige Anwalt aus Ulm Ausschnitte von Corona-Protesten rund um den Globus, “Eindrücke von der globalen Freiheitsbewegung”, wie er es nennt. (…) Bei der scheinbaren Weltgemeinde von Maßnahmengegnerinnen handelt es sich in erster Linie um Selbstinszenierung. So sieht das Josef Holnburger, Geschäftsführer des gemeinnützigen Thinktanks CeMas: “Querdenken hat schon früh versucht, sich den Anstrich einer internationalen Bewegung zu geben – geklappt hat das aber immer nur so halb”, sagt der Politikwissenschaftler. Proteste gebe es in allen europäischen Ländern. Der Glaube an Verschwörungserzählungen spielt auch in Frankreich, Großbritannien und anderen europäischen Ländern eine wichtige Rolle. Doch wirklich miteinander verknüpft seien die Szenen nicht, auch wenn es stets Bemühungen darum gegeben habe, sagt Holnburger. Doch diese seien “mehr von Fehlschlägen als von Erfolgen gekennzeichnet”. (…) Auch Josef Holnburger sieht die Gefahr weniger in der Vernetzung von Gruppen auf der Straße, sondern in der grenzüberschreitenden Verbreitung von Desinformation und Propaganda: “Die Motive der Verschwörungsgeschichten zirkulieren international”, sagt der Politikwissenschaftler. Begriffe wie Great Reset oder Great Replacement, die auf antisemitische Verschwörungserzählungen über Corona-Politik, Klimawandel und Migration verweisen, würden europaweit von Rechtspopulisten als Schlüsselbegriffe genutzt. “Das ist das, was uns die nächsten Jahre begleiten wird”, sagt er. Doch die Onlinevernetzung von Extremisten kann durchaus zu einer realen Bedrohung werden – wie der Fall der Gruppe Dresden Offlinevernetzung zeigt: Auf Telegram taten sich rechte Impfgegner zusammen und planten unter anderem, den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer umzubringen. Unterstützung beim Aufbau der digitalen Infrastruktur kam von einem Neonazi aus den USA. Experten überrascht die Symbiose nicht: “Wenn sich extremistische Gruppen vernetzen, kann es zu Effekten gegenseitiger Stärkung kommen”, warnt Peham

via zeit: Querdenker – Offene Grenzen für Verschwörungsmythen