In Rostock prügeln Rechtsradikale einer “Querdenken”-Demo den Weg frei. Die meisten Demonstranten aus dem bürgerlichen Spektrum dulden die Extremisten – oder schauen weg. Die Rechten sind einfach zu nützlich. (…) Kurz darauf begeht die Polizei ihren ersten Fehler. Über Lautsprecher mahnt sie erneut zur Maske, doch statt Gehorsam erntet sie nur Grummeln und Pfiffe. Obwohl der Appell in der kalten Rostocker Abendluft folgenlos verpufft, lässt die Einsatzleitung den Aufzug Minuten später starten. Das Einlenken der Uniformierten trotz massiver Auflagenverstöße der Demonstranten wird dort aufmerksam registriert. “Hab ich doch gesagt”, sagt der “Querdenker”-Ordner zufrieden. Es wird nicht das letzte Mal an diesem Abend sein, dass die Polizei ihre Autorität vor aller Augen selbst untergräbt. (…) Politisch sind die Teilnehmer schwer einzuordnen. Bürgermeister Claus Ruhe Madsen sprach im Vorfeld von “völlig normalen Menschen”, deren Ängste ernst genommen werden müssten. Auch die Polizei ordnet die meisten dem “bürgerlichen Spektrum” zu, auch wenn das nicht allzu viel aussagt. Vor Ort zeigt sich: Die Teilnehmer haben sehr unterschiedliche Hintergründe. Darunter sind Impfgegner, Altlinke und 68er, Libertäre, 90er-Jahre-Nostalgiekonservative, Esoteriker, harte Verschwörungsgläubige, Hooligans, organisierte Rechtsextreme. (…) Plötzlich kommt Bewegung ins Spiel. Im hinteren Teil des Aufzugs taucht eine Gruppe Vermummter auf und bahnt sich zielstrebig einen Weg durch die wartende Menge. Rund 30 Personen, schwarz gekleidet, marschieren wie auf Kommando nach vorne. “Jetzt knallt’s gleich”, grinst eine Frau zu ihrem Begleiter. Dann geht alles ganz schnell. Sobald der Trupp die Demo-Spitze erreicht, kippen die Kräfteverhältnisse. Die Stimmung wird aggressiv und bedrohlich, es kommt zum Handgemenge. Neben den Vermummten, die laut Polizei dem rechten Spektrum und der gewaltbereiten Hooligan-Szene zuzuordnen sind, stehen bekannte Neonazi-Größen wie Sven Krüger und Aktivisten der rechtsextremen Identitären Bewegung in der ersten Reihe. Die Polizei versucht die gewalttätigen Demonstranten zurückzuschlagen, setzt Pfefferspray und Schlagstöcke ein, aber bleibt defensiv, sodass die Rechten leichtes Spiel haben. Einzelne Beamte brüllen “Zurückbleiben!”, einem Polizisten überschlägt es die Stimme. Es wirkt verzweifelt, hilflos, immerhin deeskalierend. Und doch: Wer direkt daneben steht, fragt sich, warum die Beamten ihre Ausrüstung nicht beherzter einsetzen. Die Speerspitze der Demo haben jetzt militante Rechtsextreme übernommen, das von Stadt und Polizei genannte “bürgerliche Spektrum” spaziert brav hinterher.

via t-online: “#Querdenker”-Ausschreitungen in #Rostock – “Gleich knallt’s!”