Das rechtsradikale Magazin “Compact” dockt gezielt an Verschwörungsmythen an. Für Chefredakteur Elsässer sind sie ein probates Mittel, um einen “Regimesturz” herbeizuführen – auch wenn er sie selbst nicht glaubt. Petra Stark hat nur Gutes im Sinn, wenn sie durch ihre Bautzener Nachbarschaft spaziert und handgeschriebene Zettel mit Botschaften gegen das Impfen verteilt. Sie glaubt wirklich, Menschen zu helfen, als sie im Oktober auf einer Demonstration in ein Megafon schreit. Es geht um Corona-Impfungen, die sie als Biowaffe ansieht, angeblich gezielt eingesetzt durch eine jüdische Bankiersfamilie, um die Weltbevölkerung zu dezimieren – eine antisemitische Verschwörungserzählung. Der Preis, den die Frührentnerin dafür zahlt, ist hoch. Ihre Söhne haben den Kontakt abgebrochen, die Enkelkinder darf sie nicht mehr sehen, doch zu einem Umdenken hat das nicht geführt. “Ich muss das in Kauf nehmen, das sagt mir mein Herz”, sagt sie. “Ich muss das machen und die Leute aufklären.” So warnt Petra Stark die Menschen panisch vor Dingen, von denen sie gelesen hat: Kruden Mythen, die sich im Netz verbreiten, häufig gestreut von Publikationen, die sich in ein vermeintlich journalistisches Gewand hüllen. Ein Netzwerk aus sogenannten Alternativmedien nutzt die Corona-Pandemie, um bei Menschen wie Stark systematisch Angst zu schüren. Diese Angst treibt die Menschen zu Zehntausenden auf die Straßen.”Sturz des Regimes”Dem ARD-Politikmagazin Kontraste erzählt nun einer der einflussreichsten Akteure dieser Szene überraschend offen, welchen konkreten Zweck Verschwörungsmythen für ihn erfüllen. Jürgen Elsässer ist Chefredakteur des Magazins “Compact”, das in der Corona-Pandemie noch einmal an Reichweite gewonnen hat und das der Verfassungsschutz mittlerweile als rechtsextremen Verdachtsfall einstuft.Schon vor der Pandemie sprach Elsässer unverblümt davon, dass sein Ziel der “Sturz des Regimes” sei – also der demokratisch legitimieren Bundesregierung. Im Interview betont er aber, dass dieser Sturz selbstverständlich “demokratisch” erfolgen solle. Elsässers “Compact”-Magazin warnt vor einer angeblichen “Corona-Diktatur” und sät Zweifel am Impfen. Dabei spielt die Zeitschrift Monat für Monat mit verschwörungsideologischen Motiven. Vor einem Jahr präsentierte Elsässer auf dem Titel ein großes “Q”. Im Interview räumt der Chefredakteur jetzt ein, dass er bewusst offen gelassen habe, ob es für “Querdenken” stehe oder für QAnon, eine Erzählung mit Ursprung in den USA, wonach sich eine satanische Elite im Verborgenen an Kindern vergeht. Obwohl es für sie keine Belege gibt, nutzten Rechtsradikale auf der ganzen Welt den QAnon-Mythos als Rechtfertigung für zum Teil schwere Straftaten, auch der Attentäter von Hanau berief sich auf ähnliche Motive.
via tagesschau: Verschwörungsmythen – Falschnachrichten für den Volkszorn