Wie geht man mit Gemeinschaften um, die immer wieder Falschmeldungen verbreiten? Mit dieser Frage hadert Facebook nach wie vor. Nun kommt heraus: Die deutsche Querdenken-Bewegung wurde vom Konzern als “Experiment” behandelt. Jahrelang gab es bei Facebook und der Tochter Instagram nur eine Währung: Wurde ein Artikel, Post oder Video besonders intensiv diskutiert, geteilt und kommentiert, landete er im Feed ganz oben. Doch in den letzten Jahren wurde es immer offensichtlicher, dass der Konzern in seinen sozialen Netzwerken ein Problem mit Falschmeldungen und extremistischen Gruppen hat. Um derer Herr zu werden, versuchte man teilweise sehr unterschiedliche Ansätze. Einer davon: das “Querdenken Experiment”. Das geht aus einem eigentlich nur intern genutzten Dokumente zur deutschen Bewegung der Covid-Skeptiker hervor, das auf den 29. April diesen Jahres datiert ist. (…) Denn Querdenken war von Facebook als Testobjekt für seinen größeren Kampf gegen die immer offensichtlicheren Probleme erkoren worden. Das Experiment sei ein “Proof of Concept”, also eine Machbarkeitsstudie, heißt es in den Dokumenten. “Es handelt sich hier um einen guten Zwischenschritt zwischen Nichtstun und einer Eskalation bis zu einem Punkt, an dem wir hart vorgehen müssen”, heißt es. Die Problematik der Querdenken-Bewegung war Facebook durchaus bewusst. Die Bewegung habe eine “robuste Präsenz” auf der eigene Plattform, erfolgreiche Seiten und entsprechende Reichweite, analysiert das Papier. Gleichzeitig war dem Konzern bewusst, dass es Überschneidungen mit anderen Problem-Bewegungen wie QAnon und den Reichsbürgern gibt. Auch die Gewalt, die auf einigen Demonstrationen gab und die Beobachtung durch den deutschen Staat waren Facebook bei Anfang des Experimentes bekannt. Sowohl die tief verwurzelten Verschwörungs-Ideologien als auch die “Offline-Gewalt” wurden als konkrete Gefahren gelistet. Gleichzeitig wären die Verbindung zur Gewalt noch nicht weitreichend genug, um eine konkrete Sperre zu rechtfertigen, wie sie bei anderen radikalen politischen Gruppierungen im Netzwerk erfolgt war, glaubte Facebook. Querdenken sei geradezu ein Paradebeispiel für die im Konzern neu definierte “Harmful Topic Community” (Gemeinschaft um ein schädliches Thema), kurz HTC. Bei diesen gehe es anders als bei politischen Gruppierungen weniger darum, konkrete Ziele zu erreichen, auch der Organisationsgrad sei niedriger. Es handle sich vielmehr um organisch um ein problematisches Thema herum gewachsene Gemeinschaften. Das ändere auch den Umgang mit den Gruppen. Statt hart gegen Einzelne vorzugehen, solle man in erster Linie das Wachstum unterbinden und eine Normalisierung der Problem-Bereiche unter den Nutzern zu unterbinden. Dazu wollte man gezielt die Sichtbarkeit senken. Konkret bedeutete das: Wird eine Interessengemeinschaft als HTC definiert, erscheinen die Posts der Gruppen seltener in Feeds, werden die Gruppen weniger vorgeschlagen und auch die Mitglieder tauchen weniger häufig als Freundesvorschläge auf. So sollten die Themen nicht von Facebook beim Wachsen unterstützt werden. Und Querdenken sollte Facebooks Experiment werden, ob das möglich ist.
via stern: GELEAKTE DOKUMENTE – Querdenken: Facebook machte aus deutschen Corona-Skeptikern ein Experiment