Aus diesem Haus im Vogesen-Dorf Les Polières wurde Mia entführt. Foto: AP/Jean-Francois Badias
Eine verlassene Fabrik in einer kleinen Schweizer Berggemeinde schien das perfekte Versteck für eine junge Mutter und ihre achtjährige Tochter Mia. Lola M. hatte das Sorgerecht für Mia verloren, weil die Behörden ihrer französischen Heimat sie für labil hielten. Doch bei den rechtsextremen Verschwörungserzählern von „QAnon“ fand Lola M. ihren Glauben bestätigt, die Sozialarbeiter seien Teil eines Kindesentführer-Ringes. Deshalb ließ sie selbst das Kind entführen – das gilt als das erste Verbrechen, das im Namen der in den USA entstandenen QAnon-Verschwörungstheorie in Europa begangen wurde, und das sich darstellt wie ein hochkomplexer Krimi. Der Einfluss von QAnon, weltweit bekannt geworden beim Sturm aufs Kapitol in Washington im Januar, erstreckt sich inzwischen auf 85 Länder: Die irre Behauptung, es gebe einen Staat im Staate, der unter anderem Kindesentführungen anweise, hat es über die Grenzen geschafft. Und seit der Pandemie auch die Rhetorik der Impfgegner. Die europäische Polizeibehörde Europol hat QAnon im Juni auf ihre Liste der Bedrohungen gesetzt (…) Fünf Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren kamen so für die „Operation Lima“ zusammen. Ein sechster Unterstützer, ein früherer Offizier, fälschte Regierungspapiere. Am 13. April fuhr dann ein grauer Van in dem kleinen Ort Les Poulières vor.Zwei Männer hielten Mias Großmutter offiziell aussehende Papiere unter die Nase und behaupteten, das Mädchen kurz über ihr Wohlergehen befragen zu wollen. Die Großmutter stimmte zu, und als sie ihren Fehler bemerkte, war Mia schon auf dem Weg ins Nachbardorf. Dort wartete ihre Mutter mit den anderen Männern. Sie fuhren bis an die Schweizer Grenze und wanderten dann stundenlang durch den Wald in Richtung Osten, wobei sie Mia abwechselnd trugen. In der Schweiz angekommen, trafen sie auf ein weiteres Mitglied des Netzwerks. Am 15. April wurden Mutter und Tochter in die stillgelegte Fabrik gebracht. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine Betten.
via berliner kurier: Wahnwitz der schwappt nach Europa – Verschwörungserzähler QAnon: Kind auf Wunsch der Mutter entführt