Sie überstanden Krieg und Naziterror, nicht aber die Nachkriegsignoranz. Zu Hunderten wurden nach 1945 Synagogen abgerissen oder zu Scheunen, Ställen, Lagerhallen. Das Ringen um einen würdigen Umgang dauert bis heute. Die Benzinkanister trugen die SA-Männer schon in den Händen, als sie am Morgen des 10. November 1938 vor der Synagoge auftauchten. Dass der kleine Fachwerkbau im niedersächsischen Bodenfelde die Pogromnacht überstand, ist der Überzeugungskraft eines Anwohners zu verdanken. Und der Sorge, ein Brand in der dicht bebauten Straße könnte auf Nachbargebäude übergreifen. Die Rettung bedeutete das für die Synagoge nicht. Ihr Niedergang begann dann nach dem Krieg: Der neue Eigentümer ließ Fenster zumauern, Treppen und Empore abreißen. Ein Holztor – breit genug für einen Traktor – ersetzte die Eingangstür. Wand- und Deckenmalereien erledigte die einziehende Feuchtigkeit. Das im Jahr 1825 errichtete Zentrum von Bodenfeldes jüdischer Gemeinde endete als heruntergekommene Scheune. Von 2800 deutschen Synagogen und Betstuben geht der Zentralrat der Juden in Deutschland für die Zeit von Hitlers Machtantritt aus. Rund die Hälfte fiel dem Naziterror zum Opfer. Viele Synagogen überstanden Krieg und Pogrome, nicht aber Ignoranz und Verdrängung der Nachkriegsdeutschen. Zu Hunderten wurden Synagogen in der Bundesrepublik und DDR erst nach 1945 abgerissen – um Platz für Büro- und Wohnhäuser oder Parkplätze zu machen. Oder weil sich niemand fand, der sich um ihre Bewahrung kümmerte (…) Bei allen Nutzungsunterschieden nach 1945 ähnelte sich die Rücksichtslosigkeit der neuen Eigentümer: Emporen wurden abgerissen, die für Synagogen typischen Rundbogenfenster zugemauert, Ornamente überstrichen und sakrale Inschriften entfernt. Dabei trieb die Bauherren nicht nur Pragmatismus. Oftmals ging es ihnen beim Umbau um bewusste Vernichtung des jüdischen Erbes. Dies zeigen Untersuchungen wie die von Thea Altaras. In ihrem Buch “Synagogen in Hessen – Was geschah seit 1945?” schrieb die jüdische Architektin 1988: Hauptsächlich sei “auf eine schnelle Beseitigung jeglicher baulicher Merkmale des einst jüdischen Kultbaus Wert gelegt worden” und die neue Nutzung zweitrangig gewesen. Eine Zerstörung “erschreckender Dimension” bilanzierte die 2004 verstorbene Altaras. Allein in Hessen hatten 223 von 363 Synagogen die Nazizeit überstanden, 59 wurden nach dem Krieg abgerissen. Die meisten anderen verfielen oder wurden so stark umgebaut, dass von ihrem jüdischen Charakter nichts übrig blieb. Mit Synagogen in der Nazizeit und nach 1945 beschäftigt sich auch Joachim Hahn. “Die Pogromnacht hat vor allem Stadtsynagogen betroffen. Sie wurden bis auf die Grundmauern niedergebrannt”, erklärt der Pfarrer und Autor, der seit Anfang der Achtzigerjahre einige Bücher zur jüdischen Geschichte im Süden Deutschlands veröffentlicht hat. Auf dem Land hätten viele Bauten nur aus Rücksicht auf die Nachbarn überlebt, wie auch in Bodenfelde: “Weil die Straßen häufig sehr eng waren, war es zu gefährlich, die Synagogen niederzubrennen.”

via spiegel: Jüdisches Leben in Deutschland Wo sind all die Synagogen hin?

Dransfeld ehemalige Synagoge von W.JPG
By <a href=”//commons.wikimedia.org/wiki/User:HeinrichStuerzl” title=”User:HeinrichStuerzl”>Heinrich Stürzl</a> – <span class=”int-own-work” lang=”en”>Own work</span>, CC BY-SA 3.0, Link