Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt AfD-Ministerpräsident werden. Wie radikal würde er regieren? Sein Werdegang und sein Umfeld geben Aufschluss. (…) Mit weit aufgerissenem Mund brüllt Reichardt regelrecht: Vater Staat sei heute leider ein „nach Dope stinkender fauler Assi“. Er bekomme sein Geld von der Friedrich-Ebert-Stiftung, „um regelmäßig mit seinen Freunden vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu saufen und die Internationale zu lallen!“ Die stramm gescheitelte AfD-Jugend brüllt vor Lachen. Reichardt schraubt das Niveau noch weiter nach unten: Die Muttersprache sei „ein aufgedunsenes intersektional-feministisches Flittchen“, deren grüne Haare stets zerzaust seien, „weil Vater Staat sie dreimal täglich durchgendert!“. Die AfD wolle der „verlotterten Linken“ das „Sorgerecht für Deutschland entziehen“, ruft Reichardt. Die AfD-Jugend johlt. Der Parteinachwuchs will der AfD Sachsen-Anhalt mit ihrem Bundeskongress in Magdeburg noch einmal Rückenwind im Landtagswahlkampf verschaffen. Als Höhepunkt des Tages hat sie dafür natürlich auch den Spitzenkandidaten Siegmund eingeladen. Als dieser nach Reichardt die Bühne betritt, gibt es Standing Ovations – und von Siegmund erst mal ein demonstratives Lob für den ausfälligen Auftritt seines Landeschefs. „Ich höre, Martin Reichardt hat sehr klare und notwendige Worte gefunden!“, sagt er grinsend und erntet frenetischen Jubel. Noch lauter wird es, als Siegmund gegen die „Fake News“ vom Leder zieht und verspricht, als erste Amtshandlung den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen. Nach seiner kurzen Rede kann er sich vor Selfies kaum retten und signiert reihenweise Spiegel-Cover mit seinem Foto drauf, zusammen mit der Überschrift: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Verfassungsfeindliche Parolen Siegmunds Heimspiel bei der Parteijugend ist ein Schulterschluss mit einem der radikalsten Teile der Partei: Neben Reichardts Tiraden wurde auf dem Jugendkongress bejubelt, dass Deutschland auch mit 60 Millionen Menschen gut leben könne, die EU „antiweiß“ besetzt sei und dass es mehr brauche als den Besitz der Staatsangehörigkeit, um Europäer zu sein. Siegmund geht nicht auf Distanz zu diesen verfassungsfeindlichen Parolen. Er betont, dass er selbst in der Jungen Alternative gewesen sei, die schon vor Jahren als gesichert rechtsextrem eingestuft war und deswegen aufgelöst wurde. Und mit dabei in Magdeburg ist auch Simon Kaupert, der hinter den Kulissen Teil der Kongressregie ist. Sonst ist er fester Teil von Siegmunds Wahlkampfteam – zuständig mit seinem Filmkunstkollektiv für Fotos und aufwändige Wahlkampfvideos, reicht zur Not Siegmund auch mal ein Taschentuch, falls der ins Schwitzen kommt. Auch Kauperts Vita ist einschlägig: Er ist ein früherer Aktivist der Identitären, der Vordenker des „Remigrations“-Konzepts, wie sie die massenhafte Ausweisung von Migranten nennen. Sein Filmkunstkollektiv, eine Medienagentur von Rechtsextremen für Rechtsextreme, ist auf dem Kongress auch mit einem Stand präsent. Im Saal sitzt zudem Götz Kubitschek, der rechtsextreme Vordenker aus Schnellroda, den Siegmund zuletzt beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt breit strahlend begrüßte, ihm auf den Rücken klopfte. Und der der taz erzählt, dass er im Austausch mit der Arbeitsgruppe gestanden habe, die das Wahlprogramm für Siegmunds AfD-Verband verfasst hat.
via taz: Radikales AfD-Netzwerk Der Sunnyboy des Rechtsextremismus
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