SPIEGEL-Reporter werden angepöbelt, es gibt Pläne für eine »Bürgerwacht«: Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt sich erneut, dass Ignorieren, Verharmlosen und Relativieren im Umgang mit Parteien wie der AfD in die Irre führen. (…) Diese Partei und dieser Mann wurden genug ignoriert, relativiert und normalisiert. Hinter der scheinbar freundlichen Fassade, die der Spitzenkandidat so gern auf seinem Simson-Moped präsentiert, hinter all dem Gerede über den vermeintlich gut gemeinten Einsatz für ein besseres Deutschland tun sich Abgründe auf. Wer wissen will, wofür Herr Siegmund und seine rechtsextreme AfD-Truppe wirklich stehen, braucht sich nur drei Ereignisse aus den vergangenen Tagen anzuschauen.
Ereignis eins: Beim Sommerfest der AfD Sachsen-Anhalt in Merseburg wurden am Wochenende zwei SPIEGEL-Reporter von einem Streamer und offenkundigen Siegmund-Sympathisanten bedrängt, angerempelt und beschimpft: »Ihr habt mit dem deutschen Volk nichts zu tun. Ihr seid Antideutsche«, schrie der Mann den Kollegen ins Gesicht. Und: »Verzieht euch … es braucht euch hier keiner in Sachsen-Anhalt.« Begleitet wurde das alles vom hämischen Grinsen der umstehenden AfD-Anhänger.
Ereignis zwei: Der AfD-Europaabgeordnete aus Sachsen-Anhalt, Arno Bausemer, jagt zwei Jugendliche mit einem Baseballschläger, als die sich spätabends an einem Banner seiner Partei zu schaffen machen. Einer entwischt und erzählt hinterher, der andere sei von dem AfD-Mann mit dem Baseballschläger vom Roller »geholt worden«. Die Jungs waren erst 14 Jahre alt.
Ereignis Nummer drei: Der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla verteidigt im ARD-Sommerinterview den Plan seiner Parteifreunde in Sachsen-Anhalt, eine »Bürgerwacht« einzuführen. Also eine Hilfstruppe, die die Polizei unterstützen solle. Klingt vertraut? Stimmt, weil Blockwart-Systeme zur deutschen Diktaturerfahrung zählen, ebenso wie Parteischlägertruppen.
Mit Milizen hat speziell unser Land keine guten Erfahrungen gemacht. Deshalb kann man sich nur wundern, dass das so schnell in Vergessenheit zu geraten scheint. Im Jahr 2026 sind wir offenbar wieder so weit, dass ein Parteiführer über solche Dinge im Fernsehen reden kann, ohne dass im ganzen Land die Alarmglocken schrillen. Stärkung der Extremisten Es zeigt sich: Eine der größten Gefahren, die von Bewegungen wie der AfD ausgehen, ist, dass sie ein Klima schaffen, in dem Verrohung im politischen Diskurs und sogar die Anwendung von Gewalt zur Normalität gehören. Mit einem Mal fühlen sich extremistische Menschen gestärkt, deren Vorstellungen bislang aus vielen guten Gründen nur am Rande der Gesellschaft existierten. Sie glauben, einen Freifahrtschein zu haben, weil ihre Ideen plötzlich auch von gewählten Volksvertretern propagiert werden. So wird legitimiert, was nicht zu legitimieren ist: ein autoritäres Weltbild, xenophobe Engstirnigkeit, die Verfolgung politischer Gegner.
via spiegel: Der feine Herr Siegmund und seine üble Truppe
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