Sie forscht seit Jahrzehnten über Sexualität im Nationalsozialismus, jetzt hat die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog die Rolle von Körpern in rechtspopulistischen Bewegungen untersucht. Wir haben bei ihr nachgefragt, was sie mit „‚sexy‘ Rassismus“ meint. Die Historikerin Dagmar Herzog, Professorin für Geschichte an der City University New York, ist eine der wichtigsten Expertinnen für den Zusammenhang von Sexualität und Moral im Faschismus. Sie hat zahlreiche Publikationen zur Sexual- und Geschlechtergeschichte der Moderne vorgelegt, zur Holocaustforschung und Psychoanalyse. Zu ihren wichtigsten Werken gehören „Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ (Siedler, 2005), „Cold War Freud. Psychoanalyse in einem Zeitalter der Katastrophen“ (Suhrkamp, 2023) und „Eugenische Phantasmen. Eine deutsche Geschichte“ (Suhrkamp, 2024). Soeben hat sie „The New Fascist Body“ (Wirklichkeit Books) veröffentlicht. Wir haben Dagmar Herzog in New York erreicht, um mit ihr über das Prinzip des Tabubruchs in der AfD zu sprechen und die Frage, welche Rolle Sexualität heute in der Politik spielt. WELT: Frau Herzog, Sie sehen in der deutschen Gegenwart den Aufstieg eines „postmodernen Faschismus“ am Werk. Was meinen Sie damit: Was ist an unserer Gegenwart faschistisch? Dagmar Herzog: Der Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Primo Levi sagte schon in den Siebzigerjahren: „Jede Zeit hat ihren eigenen Faschismus.“ Wenn wir an den deutschen Faschismus der Zwanziger- bis Vierzigerjahre denken, war er vor allem geprägt von extremem Nationalismus und völkischem Rassismus. Heute erleben wir einen Möchtegern-Faschismus, der als in Teilen gesichert rechtsextrem eingestuften AfD: Die AfD oszilliert zwischen dem Heischen nach Respektabilität und der Lust am Tabubruch, ob in Bezug auf die deutsche Vergangenheit oder die Gegenwart. Mit „postmodern“ meine ich den performativen, schein-seriösen Stil der AfD, geschickt selbstreflexiv und ungeniert widersprüchlich – ein Stil, der auch die Verdrehung der Fakten nicht scheut.
via welt: „Die AfD nutzt sexualisierte Bilder, um Rassismus zu vermarkten“