Früher Untergrund, nun toleriert: Seit Kriegsbeginn sind rechtsextreme Gruppierungen in Russland sichtbarer geworden. Ein Video auf Telegram zeigt eine Szene auf einem Markt in Jekaterinburg. Maskierte Männer in Tarnkleidung halten einen Früchteverkäufer fest. Dieser beteuert, er habe nichts getan, wird aber abgeführt. Die Maskierten sind keine Polizisten. Sie tragen Armbänder mit dem Logo der sogenannten «Russischen Gemeinschaft» – einer ultrarechten Gruppe, die in ganz Russland Ableger hat. Dem Früchteverkäufer werfen sie vor, ein illegaler Einwanderer zu sein. Die «Russische Gemeinschaft» sei zur wichtigsten und aktivsten rechtsradikalen Gruppe im Land avanciert, sagt Alexander Werchowskij vom Moskauer Zentrum für Extremismusforschung «Sowa». «Diese sogenannten ‹Razzien› können überall stattfinden», so Werchowskij. «Am Arbeitsplatz zum Beispiel. Da kommen die Leute von der ‹Gemeinschaft› und kontrollieren die Papiere der Mitarbeiter, die nicht russisch aussehen.» Die Rechtsradikalen gäben sich auch als «Konfliktlöser», so Werchowskij: Bei Streit zwischen ethnisch russischen und nicht russischen Bürgern intervenierten sie aufseiten der Russen und schüchterten die andere Seite ein. Anschliessend berichte die Gruppe in den sozialen Medien davon, sagt der Extremismusforscher. Früher Untergrund, nun instrumentalisiert Die «Russische Gemeinschaft» prahlt mit ihrer organisierten Selbstjustiz, statt sie zu verstecken. Vor nur wenigen Jahren hätten Russlands Rechtsextreme im Untergrund agieren müssen, sagt Werchowskij – als die Behörden noch hart gegen sie vorgingen. «2022 änderte sich das», sagt er. «Nun war Kriegslage, und der Staat brauchte eine gewisse nationalistische Mobilisierung in der Gesellschaft. Die sollte nicht nur von oben herab kommen.» Also habe man begonnen, diese Gruppen zu tolerieren und für sich zu nutzen.
via srf: «Russische Gemeinschaft» – Rechtsextreme in Russland: «Der Krieg verändert die Gesellschaft»