Tradwife-Influencerinnen inszenieren Hausfrauenidylle im Netz – und dienen der radikalen Rechten als Türöffner für ein völkisches Frauenbild. Martin Sellner ist einer der zentralen Strategen der extrem rechten Szene. Der Österreicher ist führender Kopf der völkischen Identitären Bewegung. Als sich im November 2024 einzelne Politiker von AfD und CDU zu dem berühmt gewordenen Planungstreffen in Potsdam verabreden, ist Sellner wichtiger Impulsgeber. Auf seinem Telegram-Kanal hat der Rechte mittlerweile mehr als 70.000 Fans. Ende vergangenen Jahres veröffentlicht der Mittdreißiger dort einen längeren Audio-Vortrag. Sellner sagt, die „demografische Krise“ sei „vor allem eine Krise der Geister“. Die Jugend müsse aus ihr ausbrechen, es brauche einen „kulturellen Wandel“. Und dafür sieht Sellner eine gute Gelegenheit: die Tradwives, eine englische Abkürzung für die „traditionelle Ehefrau“. Sellner erkenne, wie das „Ideal einer traditionellen Rolle einer Mutter und Hausfrau“ unter jungen Menschen wieder auflebe. Dann folgen einige Schlagworte, die extreme Rechte immer wieder in den Internet-Äther werfen. Es brauche eine „kulturelle, natalistische Renaissance“, eine „natalistische Gegenkultur“, damit das „Volk bestehen bleibe“. Natalisten, eine Bewegung, die das Ziel vor allem in der Reproduktion von Menschenleben sehen. Was Sellner will, ist klar: deutsche Frauen, die Kinder gebären. Frauen, die sich um die Erziehung kümmern. Er zielt dabei nicht nur auf die Frau ab, sieht die Familie als Ganzes in der Pflicht. Und doch trifft seine Ideologie vor allem junge Frauen. Unterlegt wird der Lebensgeist der 1950er mit dem Sound eines radikalen völkischen Überlebenskampfes. (…) Die jungen „Tradwives“ stehen nicht im Visier der Sicherheitsbehörden. Das sieht auch das Bundesamt für Verfassungsschutz so. Ein Verstoß gegen die freiheitliche Grundordnung ist nicht zu erkennen.   Und doch schlachten extrem Rechte den Trend aus. Der Online-Hype schmiegt sich ein radikales Weltbild, das ohnehin bei jungen Menschen in den vergangenen Jahren einen starken Zulauf gefunden hat. Die Neonazi-Partei „Der Dritte Weg“ widmet den „Tradwives“ einen eigenen Beitrag, spricht von einer „positiven Rückbesinnung auf das natürliche Frauenbild“. Und dazu: Im Parteiprogramm heiße es „Deutsche Kinder braucht das Land“. Das extrem rechte Magazin „Compact“ schreibt, wie „der konservative Social-Media-Trend“ die „Linksgrünen zum Kochen“ bringe. „Feministische Flintenweiber“ seien „gestern“. Wer die „Tradwives“ als gestrig oder gar gefährlich kritisiert, wird von der Szene diskreditiert.

via morgenpost: „Tradwives“ auf TikTok – wie radikale Rechte den Herd politisieren