Zu den Menschen, die Angst vor einer AfD-Regierung haben, zählen auch Menschen mit Behinderung. Ernst genommen fühlen sie sich damit nicht. Das erste Mal wirkliche Angst bekam Sarah Baumgart im Jahr 2018 bei einer Kleinen Anfrage der AfD im Bundestag. Darin ging es um die Zahl von behinderten Menschen in Deutschland und den vermeintlichen Zusammenhang von Behinderung mit Inzucht und Migration. „Da wurde mir klar, die hören beim Thema Migration nicht auf“, sagt Sarah Baumgart. Sechs Jahre später, im Mai 2024, sitzt sie auf einer Bühne in Freiburg und spricht über ihre Ängste. „Als behinderter Mensch bin ich wie kaum jemand anderes in dieser Gesellschaft abhängig von staatlichen Strukturen“, sagt die 39-Jährige. Man müsse sie nicht verschleppen und umbringen, um sie zu töten. „Wenn eine Partei rechtskonservativ ist, dann kann man davon ausgehen, dass es auch behinderte Menschen betrifft, das zeigt uns die Vergangenheit.“ (…) Ableismus ist nicht nur ein unfreundlicher Blick oder ein Schimpfwort. Ableismus kann töten. Zum Beispiel am 28. April 2021: An diesem Tag ermordete eine Pflegehelferin im Potsdamer Oberlinhaus vier Menschen mit Behinderungen und verletzte eine weitere Person schwer. Im Juli 2021 ertranken zwölf Menschen mit Behinderungen in einer Wohneinrichtung durch das Hochwasser im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler. Trotz der Vorwarnung wurde den Menschen nicht geholfen. Am 27. Mai 2024 wurde in Mönchengladbach eine Wohneinrichtung für behinderte Menschen mit einem Stein beschädigt, auf dem stand: „Euthanasie ist die Lösung“. Unter diesem Begriff wurden im Nationalsozialismus viele schwerstkranke, behinderte und chronisch kranke Menschen, darunter auch Kinder und alte Menschen, auf staatlichen Befehl hin getötet. Das System der vermeintlichen Normalität spielt auch bei der Partei Alternative für Deutschland (AfD) eine Rolle. So stand das Parteiprogramm zum Bundestagswahlkampf 2021 unter dem Motto: „Deutschland. Aber normal“. Welche vermeintliche Normalität die AfD meinte, war auf den Wahlplakaten zu sehen: Weiße, nicht sichtbar behinderte Menschen. Was nicht sichtbar war: gleichgeschlechtliche Beziehungen, gendersensible Sprache, menschliche Vielfalt. Was aus der Perspektive der AfD nicht normal ist, wird als verrückt geframt. So bezeichnete Maximilian Krah die „Tagesschau in Einfacher Sprache“ als „Nachrichten für Idioten“. Schon allein dieser Begriff ist ableistisch, da es ein abschätziger Begriff aus der NS-Zeit ist. In einer Erklärung bezeichneten rund 30 Sozialverbände die Rhetorik des EU-Abgeordneten als „verletzend und gefährlich“. Sie warnten vor Ausgrenzung von Menschen mit und ohne Behinderung, die nicht in das „völkisch-nationalistische Weltbild“ der AfD passten.
via taz: Menschen mit Behinderung :„Wer AfD wählt, wählt gegen uns“