Julian Reichelt macht jetzt das AfD-affine Portal »Nius« und legt sich mit dem »Spiegel« an, dass es kracht. Feindbilder, Schlaumeier, Hierarchie-Watcher, Gockel und Obergockel: Wenn das Patriarchat sich irgendwo so richtig austoben kann, dann im Nachrichtenwesen. Tagtäglich gibt es steile Thesen rauszuhauen, statt komplexe Themen sorgfältig auszuloten und von allen Seiten zu betrachten. Täglich gilt es, im scheinbar überlegenen Ton die eigene Meinung unters Volk zu bringen und sich nach Möglichkeit an dieselben Mächtigen ranzuwanzen, über die man berichtet. Täglich gilt es vorzuzeigen, wer die dickste Schlagzeile hat. (…) Auf die mit Gebrüll! News-Journalisten gegen »Nius«-Journalisten, da wird sich nach Kräften gekloppt. Julian Reichelt disst, so gut er kann, die »Glaubenskrieger vom ›Spiegel‹«: Dieser sei ja mittlerweile ein »Sturmgeschütz der Regierung«, seine Mitarbeitenden »zerfressen von Ideologie« und wie im »religiösen Wahn«. Von der gesamten »Spiegel«-Recherche interessiert ihn dabei nur die Passage, die die Begegnung mit ihm selbst beschreibt. Genießerisch basht er die Kolleg*innen, denen er gerade noch ein Hintergrundgespräch gegeben hat und macht sich sogar über ihr Äußeres lustig. Seriosität? Dienst an der Sache? Die Suche nach Erkenntnis? Sorgsamkeit, Sorge? Wer einen Tag mit »Nius« verbringt, findet viel Rechtskonservatismus in all seiner stumpfen Banalität: Er spricht viel und gern von Steuergeldern und vergisst darüber, das dahinter stehende Unbehagen an einer dynamisch sich entwickelnden Welt auch nur in Worte zu fassen. »100.000 Euro Steuergelder: Wolfram Weimer fördert Drag-Schminkkurs« etwa wird selbstverständlich für einen Aufreger gehalten. Einblicke in seine verletzte Retro-Seele ermöglicht »Nius«-Mitarbeiter Jan Karon. Er hat ein Buch »Bastardmoderne« geschrieben, und sein Lieblingswort ist »einst«. Nun sitzt er auf dem breiten »Nius«-Sofa und berichtet über seinen Kindheitsort Ludwigshafen: »Von meiner einstigen Heimat ist nicht mehr viel übrig. Die Stadt gleicht einem Kadaver.« Und zwar wieso? Weil es jetzt »bulgarische Bäckereien« gibt, »arabische Schriftzeichen« und »Fahrlehrer aus der Türkei«. Finanziert nicht aus Steuern, sondern aus der Privatschatulle eines Millionärs, versammelt sich bei »Nius« eine Riege halb vergessener Figuren, so etwa der fröhliche Bajuwar Waldemar Hartmann, der schon als ARD-Sportreporter eher an Kneipenrunden denken ließ denn an Leibesertüchtigung, und der nun selbstgewiss-jovial als politischer Kommentator agiert. Popstar Julia Neigel (größter Hit: »Schatten an der Wand«, 1988) lässt sich als epochale Sängerin hofieren und hält Putins Angriffskrieg für »irgendwelche Konflikte zwischen Russland und der Ukraine«. Dümmlich wird es, wenn »Nius« »den modernen Feminismus« kritisieren will und bei einem solchen spannenden komplexen Thema nur ein überfordertes Klischeegewitter herauskommt. Kurios wird es, wenn sie ernsthaft versuchen, aus der SPD und Lars Klingbeil eine Art sozialistischer Bedrohung zu machen. Perfide wird es, wenn sie sich plötzlich intensiv für Fußball interessieren – nur um eine Kampagne gegen den schwarzen Nationalspieler Antonio Rüdiger zu fahren, der dem IS nahe stehe und »eine zu kurze Lunte« habe. Da wird ganz bewusst auf der Rassismuswelle gesurft, und Waldi Hartmann analysiert bierscharf: »Der Islam hat in der Bundesliga Platz gegriffen. Da gehört er aber nicht hin.« So tut »Nius«, was alle tun: Aufmerksamkeit generieren. Mit allen Mitteln. Offen bezeichnet Reichelt auch sein Treffen mit dem »Spiegel« als »Marketing«. Für »Nius«. Denn so schlicht funktionieren halt Medien in einer patriarchalen Welt: Du steigst in allen Rankings, sobald du dich in eine zünftige Klopperei begibst. Wenn du kalkuliert provozierst und sich alle auf dich stürzen. Das weiß ein Trump, das hat die AfD seit ihrer Gründung zu beherzigen gewusst. So will es natürlich auch das AfD-affine »Nius« nachtun: Publicity for free. Weil die Leute halt blöd sind.

via nd: »Nius«: Krawall und Rauch


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