Italien dementiert, Kritiker*innen seiner Migrationspolitik mit Trojanern angegriffen zu haben. Auch in Deutschland soll es Betroffene geben. Die Bundesregierung gibt sich unwissend. Der Spähsoftware-Hersteller hat einen Briefkasten in Hamburg. Nachdem zuerst der „Guardian“ über Angriffe mit dem Trojaner „Graphite“ der US-israelischen Firma Paragon Solutions berichtete, hat die britische Zeitung nun neue Informationen dazu bekannt gemacht. Demnach wurden mindestens sieben Journalistinnen und Aktivistinnen mit italienischer Vorwahl (+39) ausspioniert. Alle von ihnen haben sich zuvor kritisch mit der Migrationspolitik Italiens auseinandergesetzt. Zu den bekannten Betroffenen zählen Francesco Cancellato, Chefredakteur des Nachrichtenportals Fanpage, sowie Luca Casarini, ein prominenter Aktivist der Seenotrettungs-NGO Mediterranea. Die italienische Zeitung Il Manifesto berichtet, dass von Mediterranea auch zwei weitere Aktivistinnen mit „Graphite“ angegriffen worden seien. Der mutmaßlich staatliche Angriff wurde vergangene Woche bekannt, nachdem WhatsApp, das zum US-Konzern Meta gehört, Betroffene darüber informiert hatte. Die Attacke zielte nicht nur auf Personen in Italien, sondern auch in 13 weiteren EU-Ländern. Zu ihnen gehören Deutschland, Österreich, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Zypern, Portugal, Spanien und Schweden. Briefkasten in Hamburg Das könnte jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein: Laut dem unabhängigen kanadischen Forschungsinstitut Citizen Lab, das die Attacken nach Analyse der ausspionierten Mobiltelefone entdeckt hatte, wurden mindestens 90 WhatsApp-Nutzerinnen in zwei Dutzend Ländern mit der Spähsoftware von Paragon attackiert. Die Infiltration erfolgte offenbar über einen WhatsApp-Chat, in den die Opfer unwissentlich hinzugefügt wurden, gefolgt von einer infizierten PDF-Datei. Netzpolitik.org hat das deutsche Bundesinnenministerium gefragt, was es zu Angriffen mit „Graphite“ in Deutschland weiß und ob auch hier Medienschaffende oder Aktivist*innen oder Oppositionelle betroffen sein könnten. Die Medienberichterstattung über die Spyware sei in Berlin bekannt, darüber hinausgehende Erkenntnisse lägen aber nicht vor, war die Antwort. Die österreichische Agentur APA hatte dazu auch die Regierung in Wien gefragt, aber zunächst keine Auskunft bekommen. Paragon wurde 2019 unter Beteiligung des früheren israelischen Premiers Ehud Barak und hochrangiger Beamter der israelischen Geheimdiensteinheit 8200 in Tel Aviv gegründet. Im Jahr 2024 wurde das Unternehmen an die US-amerikanische Private-Equity-Firma AE verkauft. Laut „Euractiv“ unterhält Paragon seit Sommer 2023 auch eine Adresse in Hamburg, die jedoch lediglich ein Briefkasten zu sein scheint.
via netzpolitik: US-israelische Firma Paragon: Neue Details zu Spionage-Angriff mit Trojaner „Graphite“
