2023 ließ Innenministerin Faeser die rassistisch-völkische Gruppierung “Artgemeinschaft” verbieten. Laut NDR-Recherchen wurde das Netzwerk nicht vollständig zerschlagen. Mindestens ein Verein mit gleicher Ideologie wird weiter legal betrieben. Die “Artgemeinschaft” wirkte altertümlich, harmlos. Sie kam zu Brauchtumsfeiern, Volkstanz und scheinbar religiösen Festen zusammen. Eine Folklore-Gruppe? Als Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) die “Artgemeinschaft” im September 2023 verbot, sprach sie von einem “harten Schlag gegen den Rechtsextremismus”. Die “Artgemeinschaft” indoktrinierte laut Faeser Kinder und sorgte so für gut geschulten Nachwuchs für die rechte Szene.Die führenden Köpfe der Organisation nannte Faeser damals “geistige Brandstifter, die bis heute NS-Ideologie verbreiten”. Die Gruppe gefährde “die freiheitlich demokratische Grundordnung in besonderem Maße”.Doch bei dem Vereinsverbot haben die Behörden einen Teil der Strukturen im Umfeld der Organisation außer Acht gelassen. Während die “Artgemeinschaft” mit der Teilorganisation “Familienwerk” und regionalen Untergliederungen durch das Bundesinnenministerium aufgelöst wurde, bestehen mehrere Vereine von ehemaligen “Artgemeinschafts”-Mitgliedern weiter. Dabei hatte der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern das Bundesinnenministerium bereits vor dem Verbot über die Vereine informiert. Nicht verboten wurde ein Netzwerk aus insgesamt vier Vereinen in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern, die vor fünf bis sechs Jahren gegründet worden waren. Im Zentrum des Netzwerks steht der Rechtsextremist Thomas B. aus Mecklenburg-Vorpommern. Er ist Vorsitzender von drei Vereinen mit Sitz auf der Insel Usedom, denen auch andere Mitglieder der “Artgemeinschaft” angehören. Thomas B. war einer der Empfänger der “Artgemeinschafts”-Verbotsverfügung, sein Wohnhaus hatte die Polizei im September 2023 durchsucht und unter anderem Gold beschlagnahmt.Rassistisches “Artbekenntnis” in Satzung festgeschriebenB.s Vereine mit den kryptisch wirkenden Bezeichnungen “Frühgeschichtliches Forschungszentrum – Peeneland”, “Familienwerk Peeneraben” und “Familienhilfswerk Peeneraben” wurden von dem Verbot verschont. Bei näherer Betrachtung kann das verwundern, denn das “Familienwerk Peeneraben” ähnelt nicht nur im Namen dem verbotenen “Familienwerk” der “Artgemeinschaft”. (…) Welche Rolle die drei Vereine von Thomas B. tatsächlich in der rechtsextremen Szene spielen, ist unklar. Anfragen vom NDR an die Vereinsfunktionäre blieben unbeantwortet. Laut der Satzung verfolgt etwa das “Familienhilfswerk” gemeinnützige Zwecke, darunter “Förderung von Kunst und Kultur”, “Förderung der Jugend, Förderung von Erziehung, Volks- und Berufsbildung” und die “Förderung traditionellen Brauchtums und Religion”. Öffentliche Aktivitäten der Vereine sind nicht bekannt.Thomas B. ist den Behörden seit Jahren als Neonazi bekannt. Laut einer internen Analyse der Polizei-Einheit “Mobile Aufklärung Extremismus” (MAEX) aus dem Jahr 2008, die dem NDR vorliegt, soll B. Musiker der Rechtsrock-Gruppe “Die Liebenfels Kapelle” gewesen sein. Die Band, die auch unter dem Namen “Skalinger” auftritt, verbreitete volksverhetzende Lieder, die bis heute in der rechtsextremen Szene kursieren.An Juden gerichtet heißt es in einem Song: “Längst kein Recht mehr überhaupt zu leben. Dieses langnasige Pack regiert die ganze Welt. Doch Stolz und Ehre stehen weit über eurem Geld. Denn ihr seid Juden und wir nicht. (…) Denn wir sind arisch und ihr nicht.” Der Holocaust wird in Texten der Band geleugnet.Verein in Bayern “mit Bezügen” zur “Artgemeinschaft”Auch in einem Verein in Bayern, der nicht vom “Artgemeinschafts”-Verbot erfasst wurde, tummelten sich Mitglieder der Gruppe: Das 2020 gegründete “Stiftungswerk Zukunft Heimat” löste sich Anfang dieses Jahres selbst auf – vier Monate nach den Verbotsmaßnahmen gegen die “Artgemeinschaft”. Die letzte Vorsitzende der “Artgemeinschaft” war dort ebenfalls Vereinsmitglied, ihr Ehemann leitete das “Stiftungswerk”, zu dessen Vorstand Thomas B. aus Vorpommern ebenfalls gehörte.

via tagesschau: Verbot der “Artgemeinschaft” Rechtsextremes Netzwerk nicht komplett zerschlagen