Rechtsextremisten werten Gruppen ab, die sie als Opfer betrachten – obwohl diese Menschen in den meisten Fällen nichts getan haben. Welcher psychologische Mechanismus steht dahinter und wie kann er aufgehalten werden? Die politische Ideologie des Rechtsextremismus zeichnet aus, dass sie Menschen den gleichen Wert und die gleichen Rechte abspricht. Stattdessen werden diejenigen, die zur eigenen Gruppe, zum eigenen Volk, zur eigenen Nation gezählt werden, aufgewertet, während diejenigen extrem abgewertet werden, die als Andere ausgemacht werden: Ausländer, Abweichler, Außenseiter. Die Sozialwissenschaft spricht daher von “Ideologien der Ungleichwertigkeit”, die häufig im Phänomen der “gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” münden. Um feindselige Handlungen gegen Menschen zu rechtfertigen, die als Andere markiert werden, unterstellen Rechtsextremisten ihren Opfern häufig schlechte Absichten und Untaten, die diese meist nie hatten oder nie begangen haben. Aber: Sachliche Aufklärung über falsche Annahmen und Richtigstellung der Fakten führen nur in den seltensten Fällen dazu, dass ein Rechtsextremist die eigenen Annahmen infrage stellt. Egal, ob es Migranten sind, die seltener kriminell handeln, als gemeinhin angenommen wird, oder eine angebliche jüdische Weltverschwörung, die sich leicht als pure Erfindung entlarven lässt: Praktisch sind nie die echten Eigenschaften oder Taten einer Gruppe der Grund dafür, dass sie verfolgt wird. Sondern: Rechtsextremisten scheinen eigene, innere Motive zu haben, die den Ausschlag für ihre Feindseligkeit gegen ein willkürlich gewähltes Opfer geben. Gerade Gruppen, zu denen kein Kontakt besteht, eignen sich gut als Projektionsfläche. Daher scheint die Fremdenfeindlichkeit dort am größten, wo es am wenigsten Fremde gibt. Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) macht deshalb in einer Stellungnahme darauf aufmerksam, dass Rechtsextremismus nicht nur ein Thema für die Politik und für die Sozialforschung ist. Sondern dass auch die Psychologie dazu beitragen kann, die eigentlichen Motive und Mechanismen zu entschlüsseln, die oft hinter rechtsextremistischer Gewalt stehen. MDR Wissen hat darüber mit Christine Bauriedl-Schmidt gesprochen, die Stellvertretende Vorsitzende der DGPT ist und als niedergelassene Psychoanalytikerin in München praktiziert.
via mdr: HASS UND VERBRECHEN Rechtsextremismus: Wie sie die Psychologie ausnutzen