Die Steinbildhauerin Tatjana Matter wollte sich in Jungnau, einem beschaulichen Ortsteil von Sigmaringen, einen Traum erfüllen. Der ist vorerst geplatzt. Was mit Gerede auf dem Dorf begann, endete mit Blutspritzern auf Polizeiprotokollen. Am Ende bleibt ein Polizeiprotokoll mit vielen Blutflecken. Und das Wissen darum, wie manche PolizistInnen ticken, wenn keiner hinschaut und wie eine junge Frau behandelt wird, die PolizistInnen für eine “Links-grüne Hippie-Votze” halten. Man solle ihr eine reinhauen, sagt ein Polizist auf der Tonspur, die zufällig entstanden sein soll. Dieses Audiodokument, das stundenlang die Übergriffe einiger PolizeibeamtInnen konserviert hat, ist der Höhepunkt eines Konflikts im schwäbischen Outback. (…) “Betrunkene Autofahrerin greift Polizisten an”, steht drei Jahre später, am 2. Mai 2021 auf “südkurier.de”. In der Nacht zuvor, der vom 1. auf den 2. Mai, ist Tatjana Matter vor ihrem Haus in Jungnau mit der Polizei aneinander geraten. Sie sei Schlangenlinien gefahren, habe BeamtInnen angegriffen und “aufs Übelste” beleidigt, steht in der Zeitung. “Die Nacht verbrachte die Frau dann in einer Arrestzelle. Ihr Führerschein wurde beschlagnahmt und es schließen sich umfangreiche, strafrechtliche Ermittlungen an.” In der Meldung wird Matters VW erwähnt, die Straße benannt, in der sie wohnt. Alle DorfbewohnerInnen wissen, wer gemeint ist. Seitdem lebt Tatjana Matter nicht mehr in ihrem Haus in Jungnau. Die NachbarInnen wissen nicht, wo sie ist, sind besorgt, manchmal leeren sie Matters Briefkasten. (…) Dann zeigt sie Bilder und Videos auf ihrem Handy, die ihr Freund von der Verhaftung und deren Folgen gemacht hat. Sie zeigt ein Foto, auf dem ein riesiger blau-gelber Fleck und rot hervortretende Einstichstellen zu sehen sind. Ihr Handgelenk schmerzt noch nach Monaten und erschwert ihre Arbeit. (…) Auf der einen Seite eine offizielle Polizeimeldung über eine betrunkene Autofahrerin, die Polizisten angreift. Auf der anderen der Vorwurf von Polizeiwillkür aus Sicht der Betroffenen. Aussage gegen Aussage – und erstere erscheint zunächst glaubhafter, geprüfter, in der Zeitung veröffentlicht. Gäbe es da nicht diese Tonaufnahme auf Matters Handy.
Das Handy hört mit – neun Stunden lang. Das Telefon sei im Trubel zu Boden gefallen, die Beamten hätten es aufgelesen und mitgenommen. Die Aufnahmefunktion sei aus Versehen aktiviert gewesen, sagt Matter. Das Handy hat die Verkehrskontrolle aufgenommen, die Festnahme, es lag wohl im Polizeiauto und auf der Polizeistation, während Matter zur Blutabnahme im Krankenhaus und in Gewahrsam war. Insgesamt neun Stunden soll die Aufnahme umfassen. Matters Anwalt hat dem Amtsgericht Sigmaringen und der zuständigen Staatsanwaltschaft ein Protokoll dieses Audios und die Tonaufnahme vorgelegt. Das Protokoll liegt auch Kontext vor. In bestem Schwäbisch wird Matter wüst beschimpft. Sie sei außerdem eine links-grüne Bazille und das sei auch der Grund für die Kontrolle und den Gewahrsam. Matter berichtet, ein Polizist soll in der Aufnahme von seiner Schwiegermutter gesprochen haben, einer Nachbarin von Matter, die ihm schon schlimme Geschichten über die Alternativen von nebenan erzählt habe. Es freue ihn, dass Matter nun in Gewahrsam genommen wurde, weil sie eine blöde Hippie-Sau sei, soll der Beamte gesagt haben. Der Polizist habe sie schon häufiger gern mal kontrollieren wollen, bei Matter würden Althippies aus dem Tübinger Epplehaus ein und aus gehen.
Matter wird von den BeamtInnen zur Blutuntersuchung ins Krankenhaus gefahren. Laut dem Audio-Protokoll besprechen sie anschließend im Streifenwagen, dass sie keinerlei Beweise gegen die Frau in der Hand haben, die eine Blutuntersuchung auf Betäubungsmittel rechtfertigen würden. Aber sie wollen, so sagen sie es, dass Matter die Kosten dafür tragen muss. Gegen die Blutentnahme wehrt sich die Frau, so steht es später in der Akte der Staatsanwaltschaft Hechingen, die Kontext vorliegt: Sie sei an Armen und Beinen von mehreren Beamten am Boden festgehalten worden. Wegen Matters Gegenwehr sei während der Blutentnahme Blut a uf das Blutentnahmeprotokoll gespritzt. Die Blutuntersuchungen auf Alkohol zeigen, dass Matter unter dem kritischen Promillewert gelegen hatte, ab 0,5 Promille wird der Führerschein einbehalten, bei Tatjana Matter wurden 0,47 festgestellt. Auch Drogeneinfluss ließ sich nicht nachweisen. Dennoch wird ihr der Führerschein abgenommen, fast ein halbes Jahr bekommt sie ihn nicht zurück, Matter schaltet einen Anwalt ein. Die Künstlerin erinnert sich, wie ein Beamter bei der Ingewahrsamnahme mit seinem Körpergewicht ihr Handgelenk fixierte. Später wird auf der Tonaufnahme zu hören sein, dass sich der Beamte wünscht, das Handgelenk sei gebrochen. Matter sagt, sie habe noch “ein Restvertrauen” gehabt, dass die BeamtInnen schon aufpassen werden. Das ist jetzt zerstört. Auch “die Art wie über Menschen geredet wird, die einen überhaupt nicht kennen”, schockiert sie. “Wenn jemand bei mir einbricht – wen sollte ich jetzt rufen? Die Polizei?”
via kontextzeitung: Schikane in Sigmaringen – Aus Dorftratsch wird Polizeiwillkür