Hassrede im Netz dient häufig als Argumentation für die Identifizierungspflicht im Internet. Eine aktuelle Analyse von Twitter untersucht die Accounts, die rassistische Kommentare an Fußballspieler der englischen Nationalmannschaft verfassten – und spricht damit für das Recht auf Pseudonyme. Die Debatte um den Umgang mit rassistischer Hassrede im Netz ist ein relevantes Politikum und dreht sich auch um die Klarnamenpflicht im Netz. Diese Diskussion erreichte mit den rassistischen und gewaltvollen Beleidigungen auf Sozialen Medien, die sich unter anderem an Schwarze Fußballspieler der englischen Nationalmannschaft richteten, erneut einen Höhepunkt. Eine Account-Analyse von Twitter zeigt nun, dass die überwiegende Mehrheit der rassistischen Tweets von identifizierbaren Personen ausgingen, die sich nicht hinter anonymen Accounts verbargen. Als Reaktion auf den Rassismus, der sich besonders prominent an die drei englischen Spieler Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka richtete, diskutierte Deutschland erneut über das Verbot von anonymen Accounts auf digitalen Plattformen wie Instagram, Facebook und Twitter. Die Argumentation der Befürworter:innen lautet, mit einem solchen Verbot könne man gewaltvolle Hassrede eindämmen, da sich die Verfasser:innen strafrechtlich einfacher verfolgen ließe. Das Verbot von Anonymität im Netz würde auf eine Identifizierungspflicht auf Sozialen Netzwerken hinauslaufen, wie es manche Innenpolitiker:innen immer wieder ins Spiel bringen.
Die Forderung nach einer Verifikation für Accounts baut damit auf der Annahme, dass sich Rassist:innen im Deckmantel der Anonymität verstecken würden. 99% der Accounts waren nicht anonym Der Analyse von Twitter zufolge stellt sich diese Annahme nun als ein Irrtum heraus. Rassistische Beleidigungen und gewaltvolle Übergriffe im Netz stammen nicht per se von anonymen Accounts mit Pseudonymen. Stattdessen nutzen Hasser:innen oftmals ihre wahre Identität mit Klarnamen. Das demonstriert Twitter mit einer Analyse der Accounts, die von Twitter nach dem EM-Finale aufgrund von rassistischen Äußerungen gesperrt wurden. Demnach waren 99% der gesperrten Accounts eben nicht anonym, sondern identifizierbar. Außerdem geht aus der Analyse hervor, dass die meisten rassistischen Tweets, die sich an die drei Fußballspieler richteten, von dem Vereinigten Königreich ausging. Die Transparenz der Nutzer:innen vereinfachte damit die Strafverfolgung. Die britische Behörde ermittelt wegen Hassverbrechen und konnte schon vier Täter verhaften, wie der Spiegel berichtet. (…) Tatsächlich profitieren vor allem marginalisierte, bedrohte und diskriminierte Gruppen von der Möglichkeit der Anonymität im Internet. Das Geek Feminism Wiki klärt darüber auf, wie unter anderem Menschen mit Be_hinderung, die LBTQIA+ Community und politische Dissidenten von anonymen Accounts profitieren. Das Recht auf Anonymität im Internet bekommt mit Blick auf autoritäre Regime besonders Gewicht. Ebenso profitieren Sexarbeiter:innen oder Whistleblower:innen von Pseudonymen.
Soziale Netzwerke müssen Verantwortung übernehmen. Doch die mögliche Anonymität nimmt den Plattformen nicht die Verantwortung, sich um die effektive Bekämpfung von rassistischen Kommentaren zu kümmern.
via netzpolitik: Anonymität im Netz – Rassist:innen kommentieren mit identifizierbaren Accounts
