Der neue Kurs von Facebook und Twitter zeigt Wirkung: Verschwörungstheoretiker sind in den beiden Netzwerken nicht mehr so präsent wie noch vor wenigen Monaten. Das heißt aber nicht, dass die Anhänger der blockierten Accounts aus dem Internet verschwunden wären. In der Endphase der Präsidentschaft von Donald Trump erlebte Qanon enormen Zulauf. Vor allem über Soziale Medien verbreitete die Gruppe ganz offen extremistische Inhalte. Heute sind deren Parolen und Kampfansagen nicht mehr ganz so leicht zu finden. Denn Facebook und Twitter haben Zehntausende Konten mit Bezug zu Verschwörungstheorien gesperrt. Einiges deutet aber darauf hin, dass Qanon bloß die Strategien angepasst hat. Bekannte Schlagworte von Qanon waren zuletzt etwa »great awakening« (»großes Erwachen«), »the storm« (»der Sturm«) oder »trust the plan« (»vertraut dem Plan«). Dahinter verbargen sich verschiedenste haltlose Behauptungen – etwa die, Trump habe einen geheimen Kampf gegen eine Sekte von den Teufel anbetenden Pädophilen geführt, die Hollywood, die Wirtschaft, die Medien und die Regierung kontrollieren würde. Ab Ende 2020 hatten insbesondere auch solche Gruppen, die Lügen im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl verbreiteten, unzählige Anhänger.
Nun sind viele der großen Foren verschwunden, in denen über angeblichen Wahlbetrug schwadroniert worden war. Auch Trump selbst hat nach seiner Niederlage nicht nur das Weiße Haus verlassen müssen: Von Twitter, das ihm lange als wichtiges Sprachrohr diente, ist er dauerhaft verbannt; auf Facebook darf er mindestens bis 2023 keine Beiträge mehr posten. Qanon ist aber alles andere als verschwunden. Vertreter der US-Geheimdienste warnten kürzlich, dass Anhänger der Gruppe noch mehr Gewalttaten verüben könnten – ähnlich wie beim Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar. Und anders als vor vier Jahren, als in dunklen Nischen des Internets unter dem Namen »Q« die ersten rätselhaften Beiträge verbreitet wurden, ist Qanon heute in vielen Gesellschaftsschichten verankert. Das liege teilweise daran, dass unter dem Dach von Qanon inzwischen eine ganze Reihe von Verschwörungstheorien vereint sei – von evangelikalen oder religiösen Vorstellungen bis hin zu angeblicher Pädophilie in Hollywood, sagt Jared Holt, der am DFRLab des US-Instituts Atlantic Council auf inländischen Extremismus spezialisiert ist. Die Weltsichten, die Qanon absorbiert habe, seien noch immer allgegenwärtig.
Was die durchaus sehr verschiedenen Bewegungen zusammenhält, ist ein generelles Misstrauen gegenüber einer mächtigen, mutmaßlich linksgerichteten Elite. Unter den Qanon-Anhängern befinden sich somit radikale Impfgegner ebenso wie extremistische Trump-Fans, die den Ausgang der Präsidentschaftswahl bis heute nicht anerkennen wollen. Für die Online-Plattformen ist der Umgang mit dieser gesichtslosen, sich stets wandelnden und immer populärer werdenden Geisteshaltung eine große Herausforderung. Die Ideologien »haben ihren Platz gefestigt und sind jetzt ein Teil der amerikanischen Folklore«, sagt Max Rizzuto, ein weiterer Forscher des DFRLabs. »Ich denke nicht, dass wir sie je verschwinden sehen werden.« Im Internet agieren die entsprechenden Gruppen mittlerweile subtiler, ohne ausdrückliche Nennung von Qanon. Ein Beispiel ist die Facebook-Seite »Since you missed this in the so called MSM« (»Da ihr dies in den sogenannten MSM vermisst habt« – wobei MSM für »Mainstream-Medien« steht). Die mehr als 4000 Follower der Gruppe werden mit Links zu Artikeln von rechtslastigen Publikationen versorgt.
via jüdische allgemeine: Qanon agiert auf Online-Plattformen jetzt weniger offensichtlich