Die Teilnehmer von Neonazi-Demonstrationen werden immer jünger. Minderjährige planen Anschläge oder stehen vor Gericht. Werden sie von erfahrenen Kameraden angeleitet? Von Julius Geiler Heute, 17:10 Uhr Es dauerte vergangenes Wochenende, bis sich ein paar dutzend rechtsextreme Teenager nahe des U-Bahnhofs Schillingstraße in Berlin endlich in Bewegung setzen konnten. Ihrem angemeldeten Protestzug fehlte es an der vorgeschriebenen Zahl an Ordnern. Das Problem: Ordner müssen volljährig sein, die Mehrheit der Teilnehmer war aber unter 18 Jahre alt. Als schließlich mit Mühe genügend volljährige Ordner gefunden waren, konnte der Protestzug starten. In der Spitze versammelten sich 80 Personen, die gemeinsam bis zum Alexanderplatz marschierten, um dort vom zahlenmäßig stark überlegenen Gegenprotest in Empfang genommen zu werden. Die rechten Jugendlichen wurden währenddessen vom 18-jährigen Justin E. dirigiert, der die Menge mit einem Megafon anheizte. Der junge Mann aus dem Osten Thüringens ist Mitglied der rechtsextremen Truppe „Gerschen Jugend“ und hatte die Versammlung im Vorfeld angemeldet. Teenager und Kinder unter den Teilnehmern und ein gerade volljährig gewordener Junge als Organisator und Einpeitscher. Vor nicht allzu langer Zeit noch ein ungewöhnliches Bild, mittlerweile Alltag bei rechtsextremen Demonstrationen überall in Deutschland. Erfahrende, bekannte Neonazi-Kader halten sich bei einer Vielzahl der Demonstrationen immer häufiger im Hintergrund – wenn sie überhaupt erscheinen. Das führt regelmäßig zu absurden Situationen, die aufzeigen, wie unerfahren viele der jungen Rechtsextremen im Umgang mit Presse und Polizei sind. Während es unter etablierten Größen der rechtsextremen Szene verpönt ist, mit Journalisten zu sprechen, geben sich viele in der jungen Generation durchaus auskunftsfreudig. (…) Viele der Jugendlichen sind völlig enthemmt, übermütig, unberechenbar und haben schlicht keine Angst vor ernsthafter Strafverfolgung, auch weil sie im vielen Fällen bisher keine Erfahrung damit gemacht haben. Das macht die Jugendgruppen attraktiv für erfahrene Neonazi-Kader, die dadurch nicht mehr darauf angewiesen sind, sich selbst die Hände schmutzig zu machen.
via tagesspiegel: Gezielte Rekrutierung?: Wie alte Neonazi-Kader bei der rechtsextremen Jugend mitmischen