Die größte Studie zu Rassismus in deutschen Behörden zeigt: Diskriminierung ist kein Randphänomen. Vor allem Muslime und Roma erleben Demütigungen im Amt. Besonders brisant: Das Innenministerium veröffentlichte die Ergebnisse fast unbemerkt. (…) Die mutmaßlich rassistische Behandlung durch eine Mitarbeiterin beim Jobcenter teilt der Syrer mit vielen. Das wurde jetzt durch eine umfangreiche Studie wissenschaftlich belegt. “Die zentralsten Ergebnisse unserer Studie liegen darin, dass in jeder Institution, in jeder Behörde, die wir untersucht haben, Rassismus zu finden war”, sagt Gert Pickel, Soziologieprofessor an der Universität Leipzig und Leiter der Studie. “Umgekehrt ist aber nicht jeder Behördenmitarbeiter ein Rassist. Zudem haben wir feststellen können, dass es nicht nur Einzelpersonen sind, sondern, dass dieser Rassismus teilweise weitergegeben wird, sich also in der Kultur einer Behörde festgesetzt hat. Ältere Mitarbeiter erzählen das jüngeren Mitarbeitern.” Muslime und Roma besonders betroffen Institutioneller Rassismus finde sich in deutschen Behörden in zweierlei Hinsicht: zum einen in Form von Vorurteilen gegenüber bestimmten Personengruppen, wie Muslimen, Sinti oder Roma, zum anderen durch Gesetzestexte: Hier sei eine klare Ungleichbehandlung zwischen syrischen oder ukrainischen Geflüchteten festgestellt worden. Letztere würden vom Jobcenter meist deutlich wohlwollender behandelt als andere Geflüchtete, heißt es im Abschlussbericht. Von Rassismus besonders betroffen sind laut Studie Muslime und Roma. In einer Online-Befragung unter muslimisch Gläubigen gaben 80 Prozent der Befragten an, schon einmal Diskriminierung erfahren zu haben. Bezogen auf Jobcenter, Sozial- und Ausländerbehörden habe nahezu jeder zweite antimuslimischen Rassismus erfahren, heißt es weiter. Rassistische Diskriminierung in deutschen Behörden richte sich nicht nur gegen Klienten, sondern auch gegen Mitarbeitende in Institutionen. Die Resultate der Studie gelten als wegweisend, der Umgang damit sorgt jedoch für Irritationen. “Die etwas sonderliche Veröffentlichung, um 17.30 Uhr vor Rosenmontag, ist damit zu begründen, dass das BMI an der Auseinandersetzung mit Rassismus scheinbar nicht so großes Interesse hat”, meint Gert Pickel. “Es wäre sehr wünschenswert, wenn gerade die Bundesministerien Rassismus als Problem anerkennen und dagegen vorgehen würden, weil sie auch eine gewisse Leitfunktion haben. Das ist aber dieses Mal leider nicht hundertprozentig gelungen.”
via ndr: Bundesweite Rassismus-Studie: Kein Interesse an Veröffentlichung?