Bei der Neuauflage des Fretterode-Prozesses hat einer der angegriffenen Journalisten seine Erinnerungen an den damaligen Übergriff geschildert. Einer der betroffenen Journalisten im Fretterode-Prozess denkt auch fast acht Jahre später noch häufig an den Angriff auf ihn und seinen Kollegen. Das sagte der Mann als Zeuge bei der Fortsetzung der Verhandlung vor dem Landgericht Mühlhausen. Er und sein Kollege sind Nebenkläger in dem Verfahren. Es gehe ihm zwar körperlich inzwischen wieder gut, so der Journalist. Allerdings sei er von dem Angriff für immer gezeichnet: “Ich habe halt eine Narbe im Gesicht, die sehe ich jeden Tag, die erinnert mich immer wieder daran.” Nebenkläger: Narbe und Schädelbruch davongetragen Während des Angriffs sei er von einem Schraubenschlüssel am Kopf getroffen worden, sagte der Mann. Das habe nicht nur zu einer stark blutenden Platzwunde geführt, die kurz nach dem Übergriff im Krankenhaus genäht worden sei. Ein dreiviertel Jahr später habe sich beim Röntgen seines Kopfes herausgestellt, dass er bei dem Angriff einen bis dahin nicht diagnostizierten Schädelbruch davongetragen habe. (…) Bei dem Angriff waren nach den bisherigen Ermittlungen neben einem Schraubenschlüssel auch ein Baseballschläger, Pfefferspray und ein Messer eingesetzt worden. Prozess neu aufgelegt Eine Kammer des Landgerichts Mühlhausen hatte die beiden angeklagten Rechtsextremisten in einem ersten Prozess 2022 für schuldig befunden, sie aber nur zu geringen Strafen verurteilt. Der Bundesgerichtshof hatte dieses Urteil 2024 wegen erheblicher Rechtsfehler aufgehoben, sodass sich nun eine andere Kammer des Gerichts erneut mit dem Fall befassen muss.
via np coburg: Fretterode-Prozess: Narbe erinnert Opfer weiter an Übergriff
siehe auch: Verteidigung will Neonazi-Opfer zu Tätern machen Bei der Neuverhandlung des sogenannten Fretterode-Prozesses hat der erste der beiden Journalisten, die von Neonazis aus dem nächsten Umfeld von Thorsten Heise attackiert und schwer verletzt wurden, seine Aussage begonnen. Die Verteidigung versucht die dramatischen Schilderungen zu relativieren, indem sie die Recherchen der Rechtsextremismus-Experten mit den Angriffen auf Neonazis im „Antifa Ost“-Komplex in Verbindung bringt. Belege für diese Unterstellung haben die Szene-Anwält*innen keine. Bevor der Mann erzählen kann, wie ihm ein Neonazi mit einem Traktorschraubenschlüssel den Schädel eingeschlagen hat, wird er von der Verteidigung erst einmal vom Opfer zum Täter gemacht. Bei der Neuauflage des sogenannten Fretterode-Prozesses um den brutalen Überfall von Rechtsextremen auf Journalisten in Thüringen will das Landgericht in Mühlhausen am zweiten Verhandlungstag den ersten der beiden Betroffenen befragen. Doch kaum hat der 34-Jährige seinen Namen und sein Alter angegeben und erklärt, dass er mittlerweile nicht mehr als Journalist, sondern als Feuerwehrmann arbeitet, da meldet sich Szene-Anwältin Nicole Schneiders zu Wort: Sie habe einen unaufschiebbaren Antrag. Schneiders verteidigt den einstigen NPD-Aktivisten Gianluca K. (32), der zusammen mit Nordulf H., dem 26 Jahre alten Sohn des einflussreichen Neonazi-Kaders und „Die Heimat“-Vizevorsitzenden Thorsten Heise, auf der Anklagebank sitzt. Im April 2018 sollen die Angeklagten regelrecht Jagd auf zwei freie Journalisten aus Göttingen gemacht haben, die sich auf Recherchen über die rechte Szene spezialisiert hatten und an jenem Tag ein mutmaßliches Treffen von Neonazis auf dem Anwesen von Thorsten Heise in dem Dörfchen Fretterode dokumentieren wollten. Am Ende waren beide Journalisten schwer verletzt, ihr Auto zerstört, ihre Kamera weg. Antrag scheitert Verteidigerin Schneiders fordert: Der Ex-Journalist auf dem Zeugenstuhl müsse vor seiner Befragung belehrt werden, dass er sich nicht selbst belasten müsse. Denn: Es könne doch sein, dass er etwas mit der boulevardesk als „Hammerbande“ titulierten Gruppierung im „Antifa Ost“-Verfahren zu tun habe. Schließlich hätten deren Mitglieder ihre rechtsextremen Opfer ja auch vorher ausgespäht. „Das Ausspähen gehörte da zum modus operandi“, sagt Schneiders. Für ihren Kollegen, den ebenfalls fest in der neonazistischen Szene verwurzelten Wolfram Nahrath, ist es sogar schon verdächtig, dass die Journalisten kein Navi in ihrem Auto hatten. Bessere Belege für ihre wüste Unterstellung hat die Verteidigung nicht. „Der Antrag ist genauso gehaltvoll wie die Annahme, mein Mandant wäre Teil des IS“, kommentiert Nebenklageanwalt Sven Adam. Das sieht dann auch das Gericht so: Es gebe keinerlei Anhaltspunkte, dass der Zeuge mit einer kriminellen Vereinigung zu tun haben könnte. Antrag abgelehnt. Aber bis dahin hat die versuchte Täter-Opfer-Umkehr schon sehr viel Raum und Zeit eingenommen, hat das Gift des Misstrauens wirken können. Mehr dürfte sich die Verteidigung auch gar nicht erwartet haben.