Am 9. November 1938 wurde im hessischen Alsfeld die Synagoge in Brand gesteckt. Dann löschte die Feuerwehr – die Sparkasse wollte das Grundstück. Die Enteignung und Verfolgung jüdischer Menschen im Nationalsozialismus geschah nicht im luftleeren Raum. Sie wurde aktiv begangen, von Menschen in deutschen Städten, Kommunen, Dörfern. (…) Es ist der 9. November 1938. Wie an vielen anderen Orten in Deutschland setzen auch in dieser hessischen Kleinstadt an diesem Abend Menschen die Synagoge in Brand, schmeißen die Scheiben jüdischer Wohnungen und Geschäfte ein, plündern. Wie an vielen anderen Orten weist auch der Alsfelder NSDAP-Ortgruppenleiter die Feuerwehr an, den Brand nicht zu löschen, sondern nur die umliegenden Gebäude zu schützen. Doch in Alsfeld nimmt anders als an vielen Orten in Deutschland die Geschichte eine ungewöhnliche Wendung. Zeitzeugen berichten, dass die Feuerwehr am Ende doch das Feuer in der Synagoge löschte – nach Aufforderung eines örtlichen SA-Manns. Die Verstrickungen der Geldinstitute in „Arisierungen“ Es ist dies keine Geschichte von Zivilcourage, im Gegenteil: Es geht um Profiteure von NS-Verbrechen, um sogenannte „Arisierung“ und um die Verstrickungen der örtlichen Sparkasse darin. Diese Verstrickungen sollen nun wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Unter der Leitung des Historikers Eckart Conze von der Universität Marburg wird in Kooperation mit der Historischen Kommission für Hessen die Rolle der Vorgängerinstitute der heutigen Sparkasse Oberhessen im Nationalsozialismus untersucht. Es soll um die Verstrickungen der Geldinstitute in sogenannte Arisierungen gehen, als Kreditgeberin, als Käuferin, aber auch um die Nazifizierung der Banken selbst, ihren Umgang mit jüdischen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Kun­din­nen ebenso wie die Besetzung von Schlüsselpositionen mit überzeugten Nazis. Beauftragt hat diese Studie die Sparkasse Oberhessen, die sie aus eigenen Mitteln finanziert. „Als öffentlich-rechtliche Sparkasse ist es Ausdruck unserer gesellschaftlichen Verantwortung, uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen“, sagt Ulrich Kaßburg, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Oberhessen. „Mit dem umfangreichen Projekt wollen wir Transparenz schaffen und für demokratische Werte einstehen.“ Das klingt nach einem starken Willen zur Aufklärung. Doch damit im November die offizielle Aufarbeitung beginnen kann, mussten Menschen in Alsfeld jahrelang die Geschichte ihres Ortes erforschen, ehrenamtlich. Und das in einem Klima, in dem viele lieber schweigen wollen.

via taz: Aufarbeitung von NS-Geschichte Die Sparkasse, der SA-Mann und die Synagoge

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