Soziale Medien seien für junge Menschen “manipulativ und gefährlich”, warnt eine Sozialwissenschafterin nach einem Experiment. In der FPÖ Tirol herrscht nach den Videolöschungen indes Streit. Die Berichte über die rechtsextremen Tiktok- und Instagram-Accounts der FPÖ Tirol haben die Sozialwissenschafterin Liz Freimann aufhorchen lassen. Bis Mitte dieser Woche waren auf dem Account dutzende – und nach einer Teillöschung immer noch einige – vor allem auf Jugendliche zugeschnittene Videos mit Massenabschiebungs- und Rassenreinheitspropaganda zu sehen. Anfang Juli hatte die Expertin für digitale Diskurse, die auch beim STANDARD als Community-Managerin arbeitet, ein Selbstexperiment gestartet. Mit der Identität einer 13-jährigen Person meldete sie bei Tiktok einen fiktiven Account an – der unmittelbar darauf von rechtsextremen Videos geradezu überschwemmt wurde. Eines der ersten Videos auf dem Feed des oder der 13-Jährigen – die Geschlechtszugehörigkeit sowie spezifische Interessen hatte Freimann bei der Anmeldung offengelassen – kam von der FPÖ Tirol. Unterlegt von hipper Musik zeigte es den Vorsitzenden der FPÖ Tirol, Markus Abwerzger, der in einer Wartezimmersituation erschreckt auf lauter werdende arabische Stimmen reagiert. “POV: Du sitzt beim Arzt und merkst, es ist Zeit für Abschiebungen”, lautet der eingeblendete Text. Statt dem Wort “Abschiebungen” ist das in den einschlägigen FPÖ-Tirol-Videos genutzte Symbol dafür, ein blau-weißes Flugzeug, zu sehen. Werbung für Identitären-Demo Die Sozialwissenschafterin scrollte weiter und stieß, durchsetzt mit anderen Inhalten, auf immer mehr Machwerke vom rechten Rand. Etwa auf etliche weitere Videos von der FPÖ Tirol, von Sympathisanten der deutschen AfD sowie eines, auf dem ein junger Mann in Identitären-Outfit Werbung für eine von der rechtsextremen Gruppierung am 26. Juli geplante Demonstration in Wien macht. “Das zeigt, wie manipulativ und gefährlich ein soziales Medium wie Tiktok für junge Menschen sein kann”, sagt Freimann. Der durchgreifende und zielgruppenorientierte Tiktok-Algorithmus habe die erfundene 13-jährige Person direkt in die Arme der Rechtsextremen getrieben – und die FPÖ Tirol mache sich das zunutze. Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, forderte Freimann bei Tiktok im Namen ihres Fake-Accounts einen Überblick über ihre Daten an. In der langen Liste der “Watch History”, die sie von Tiktok bekam, fanden sich auch Videos, die sie Monate davor im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts vom selben Computer aus, aber mit einem anderen Account und mit anderer E-Mail-Adresse in die Timeline gespült bekommen hatte. “Offenbar speichert Tiktok nicht nur die Daten der Accounts, sondern auch die IP-Adressen der verwendeten Geräte”, schließt sie daraus.

via standard: MASSENABSCHIEBUNGS-PROPAGANDA FPÖ-Tiktok-Affäre: Rechtsextreme Videos überschwemmten Minderjährigen-Account