Deutschland habe eine historische Verantwortung gegenüber Sinti und Roma, sagt Kelly Laubinger. Sie kritisiert Leerstellen bei den Koalitionsverhandlungen. „Je länger ich in den Papieren aus den Koalitionsverhandlungen gelesen habe, desto fassungsloser wurde ich“, sagt Kelly Laubinger. Der Geschäftsführerin der Sinti Union Schleswig-Holstein geht es nicht so sehr darum, was auf den 169 Seiten der Arbeitsgruppen aus CDU, CSU und SPD steht – sondern um das, was dort nicht steht. „Sinti und Roma werden nicht ein einziges Mal erwähnt“, kritisiert Laubinger. Konkret geht es ihr um eine Passage im Papier der Arbeitsgruppe 1 zur Innenpolitik. Dort heißt es: „Deutschland trägt eine besondere Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens.“ Ein Umstand, den Union und SPD völlig zurecht betonen, sagt Laubinger. „Wenigstens an dieser Stelle hätte auch die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber Sinti und Roma erwähnt werden müssen.“ Bis zu einer halben Million Sinti und Roma ermordeten die Nationalsozialisten bis 1945. Sie wurden systematisch entrechtet, deportiert und ermordet. Doch erst 1982 erkannte Deutschland diesen Völkermord an. Mit dem Ende der NS-Herrschaft habe die Diskriminierung und Kriminalisierung aber nicht geendet, sagt Laubinger. Vielmehr dauere sie bis heute an. Das zeige sich am Umgang der Polizei mit Angehörigen der Minderheit ebenso wie in der medialen Darstellung, an struktureller Diskriminierung im Bildungswesen oder daran, dass zugewanderte und geflüchtete Roma abgeschoben würden – „obwohl unter ihnen Nachfahren von Überlebenden sind“, sagt Laubinger. „Dass wir nun nicht mal erwähnt werden, reiht sich ein in die lange deutsche Tradition, die Geschichte von Sinti und Roma unsichtbar zu machen.“ Dazu passe, dass im Papier zu Kultur und Medien die große Bedeutung der Gedenkstättenlandschaft in Deutschland genannt werde. „Währenddessen droht dem erst 2012 eingeweihten europäischen Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin massive Beschädigung, weil die Bahn eine S-Bahn-Trasse darunter bauen will.“

via taz: Sinti und Roma in Deutschland Mit keinem Wort erwähnt

Berlin-DenkmalSintiRoma5-Asio.JPG
Von Asio otusEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link