Schon in den ersten 24 Stunden schloss die Mannheimer Polizei ein politisches Motiv des Amokfahrers aus. Doch Recherchen aus der Zivilgesellschaft decken einen rechtsextremen Hintergrund auf. Damit wiederholt sich ein allzu bekanntes Muster Wieder einmal waren es Recherchen von unten, aus der Zivilgesellschaft: Am 3. März fuhr ein Auto in eine Menschenmenge in der Mannheimer Innenstadt. Zwei Menschen starben, weitere elf wurden verletzt. Schon nach weniger als 24 Stunden schlossen die Mannheimer Sicherheitsbehörden ein politisches Motiv aus, es handele sich um eine Amokfahrt eines psychisch kranken, deutschstämmigen Täters. Die Medien atmeten auf. Warum? Bereits am nächsten Tag kam die rechtsextreme Vergangenheit des Täters nach Recherchen des antifaschistischen Portals „exif-Recherche“ ans Licht. Der Artikel zu Alex S. auf der – zwischenzeitlich überlasteten – Seite des Recherchekollektivs legt eine ehemalige Mitgliedschaft des Amokfahrers in der rechtsterroristischen Vereinigung „Ring-Bund“ nahe, einer „Gruppe aus dem Spektrum der Reichsbürger, geführt von Neonazis“. Die führenden Köpfe des „Ring Bunds“ wiederum hätten mittels Waffenhandels beim Aufbau der AfD-nahen Organisation „Patriotische Alternative“ mitgewirkt. Mal wieder waren es also Recherchen der Zivilgesellschaft, die den Job der Sicherheitsbehörden übernahmen. Auch im Fall der Amokfahrt von München war es journalistische Recherche, die die ersten Statements der Polizei, es handele sich um einen „Islamisten“, entkräfteten. Nach Recherchen zum Täter von Mannheim wächst in der Bevölkerung das Misstrauen erster, schneller Aussagen der Polizei nach Gewalttaten. Schließen Sicherheitsbehörden im Fall migrantischer Täter vorschnell auf eine politische Gesinnung, im Fall deutscher Täter eine rechtsextreme politische Gesinnung jedoch vorschnell aus? (…) Ein Apfel ist ein Apfel, eine Birne ist eine Birne, ein psychisch kranker Gewalttäter aus Afghanistan ohne Verbindung zu islamistischem Terrorismus ist ein psychisch kranker Gewalttäter aus Afghanistan ohne Verbindung zu islamistischem Terrorismus und ein psychisch kranker Gewalttäter aus Deutschland mit Verbindungen zum Rechtsterrorismus ist ein psychisch kranker Gewalttäter aus Deutschland mit Verbindungen zum Rechtsterrorismus. Gewalt ist nicht gleich Gewalt. (…) Der Täter von Mannheim war psychisch krank und rechtsextrem politisiert. Beides zu betonen, und die Fälle von Aschaffenburg, München und Mannheim nicht vorschnell über einen Kamm zu scheren, ist unser aller Verantwortung vor den Opfern. Übrigens auch gegenüber psychisch Kranken. Sie verdienen es, nicht als tickende Zeitbomben abgestempelt zu werden. Terrorismus und Amokfahrten sind nämlich alles andere als einzig und allein Resultat mentaler Krankheiten. Rechtsterrorismus bekämpft man nicht mit Therapie, sondern mit jahrelanger politischer Bildung und Aussteigerprogrammen. Für islamistischen Terrorismus gilt das gleiche. Die bittere Wahrheit ist: Auch in einer Welt mit unendlichen Therapieplätzen würde es zu rechtsterroristischen oder islamistischen Attentaten kommen. So ehrlich müssen wir sein.
via freitag: Der Mannheim-Täter war ein Rechtsextremer: Wiederholt sich München 2016?