Verbreitung rechter Einstellungen in Ostdeutschland: Experten gehen von Quasi-Vererbung aus. Wann immer in den vergangenen Jahren in einem ostdeutschen Bundesland gewählt worden ist, war die AfD immer stärker als im Westen. Die Unterschiede bestehen auch bei Bundestagswahlen. Zuletzt kamen die Rechtspopulisten bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen auf 23,4 bzw. 27,5 Prozent der Zweitstimmen. In Bayern kam die Partei dagegen bei der letzten Landtagswahl 2018 auf 10,2 Prozent der abgegebenen Zweitstimmen, in Hessen waren es 13,1 Prozent und in Schleswig-Holstein ist die Partei bei der Landtagswahl vor etwa acht Wochen sogar an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und wieder aus dem Landtag geflogen. Dennoch ist es immer schwierig, auf diesen Riss, der sich durch Deutschland zieht, hinzuweisen. Für Westdeutsche, weil sie schnell als arrogante Oberlehrer erscheinen, für Ostdeutsche, weil sie dann vielen als Nestbeschmutzer gelten. Auf einer Konferenz unter dem Titel »Rechter Osten?!« vor einigen Tagen in Erfurt machten Wissenschaftler aus Ost und West das Phänomen dennoch zum Thema und diskutierten die mutmaßlichen Gründe dafür. Ausgerichtet hatten die Tagung, zu der rund 100 Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet angereist waren, die Thüringer Landeszentrale für politische Bildung und Mobit e. V. (Mobile Beratung in Thüringen. Für Demokratie – gegen Rechtsextremismus). Eine der dort vertretenen Thesen lässt sich so zusammenfassen: Die DDR- und Wende-Erfahrungen vieler Menschen im Osten sind zwar maßgebliche Ursachen für die höhere Zustimmung zu rechtspopulistischen und extrem rechten Positionen in Ostdeutschland. Doch jenseits dessen sind es vor allem über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hinweg getragene Erzählungen innerhalb von Familien, die solche Denkmuster geformt haben. Der Mann, der dies auf der Tagung am nachdrücklichsten vertrat, heißt Raj Kollmorgen. Der 58-Jährige ist in Leipzig geboren, hat in Berlin Philosophie, Gesellschaftswissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert und ist derzeit Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Hochschule Zittau-Görlitz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind postsozialistische Transformationen. In Erfurt vergleicht er Mentalitäten mit der Prägung einer Münze: Es sei schwer, wenn auch nicht unmöglich, sie zu verändern. »Es gibt für rechtspopulistische bis offen rechtsextreme Politik im Osten ein Wählerpotenzial von 30, vielleicht sogar 40 Prozent«, sagt Kollmorgen. Die Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen des Thüringen-Monitors, einer sozialwissenschaftlichen Langzeitstudie. In Westdeutschland kommt die AfD bei Menschen in schlecht bezahlten Jobs Studien zufolge auf eine Zustimmung von etwa 30 Prozent, im Osten dagegen auf 45 bis 50 Prozent.

via nd: Rechte Einstellungen in Ostdeutschland Weil Opa ein Nazi war

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