Im Fall Ulmen/Fernandes geht es längst nicht mehr nur um digitale sexualisierte Gewalt, sondern auch um ihre politische Ausschlachtung. Rechtsextreme und Verschwörungsaktivist*innen nutzen Debatten um sexualisierte Gewalt, um antisemitische, rassistische und antifeministische Narrative zu verbreiten, und verweigern Betroffenen genau die Solidarität und den Schutz, die sie sonst so lautstark behaupten. Pelicot, Epstein – und nun auch ein deutscher Fall massiver sexualisierter Gewalt: Collien Fernandes hat ihren Ex-Mann Christian Ulmen angezeigt. Über mehr als zehn Jahre hinweg soll er online sexualisierte Gewalt gegen sie ausgeübt haben. Dass sie die Anzeige in Spanien gestellt hat, ist kein Zufall. Denn Betroffene sexualisierter Gewalt sind dort deutlich besser geschützt als in Deutschland. Hierzulande werden laut der neuen LeSuBiA-Dunkelfeldstudie nur drei Prozent der sexuellen Übergriffe auf Frauen angezeigt. Die Angst vor Retraumatisierung, mangelndes Vertrauen in Polizei und Justiz sowie die geringen Erfolgsaussichten eines Verfahrens dürften dabei eine erhebliche Rolle spielen. Digital wird der ohnehin mangelhafte Schutz durch technische Entwicklungen weiter unterlaufen. Seit einiger Zeit steht KI-Modelle wie Elon Musks Chatbot Grok in der Kritik, weil sie genutzt wurden, um sexualisierte Missbrauchsabbildungen von Frauen zu erstellen und online zu verbreiten. Damit hat sich das Spektrum sexualisierter Gewalt massiv erweitert: Mit KI lassen sich unzählige Formen digitaler Erniedrigung und Grenzüberschreitung erzeugen. Potenziell kann jede Frau betroffen sein, von der Täter ein Bild besitzen. Wichtig ist begriffliche Klarheit: Es geht nicht um „künstlich generierte Nacktbilder“ als irgendeine neutrale Spielart digitaler Bildproduktion: Das Erstellen von KI-Bildern oder -Videos, in denen Frauen gegen ihren Willen sexualisiert werden, ist Missbrauch. Fernandes selbst spricht von „virtueller Vergewaltigung“. Der Begriff ist drastisch, aber er verweist auf den Kern des Problems: Auch hier wird sexuelle Selbstbestimmung gewaltvoll attackiert. Auch hier wird Konsens entzogen. Auch hier wird über den Körper einer Frau verfügt, ohne dass sie zustimmt. Besonders gravierend: Für KI-gestützte sexualisierte Gewalt gibt es in Deutschland bislang erhebliche strafrechtliche Schutzlücken. (…) Sexualisierte Gewalt ist auch ein ideales Kulturkampfthema. Und das nicht nur in den USA, wo Donald Trump, flankiert von QAnon-Erzählungen, nicht nur als mutiger Kämpfer gegen den angeblichen „Deep State“ inszeniert wurde, sondern auch als Retter von entführten und sexuell ausgebeuteten Kindern. Die politische Instrumentalisierung ist perfide: Das Thema wird emotional maximal aufgeladen, nicht, um Betroffene zu schützen, sondern um Feindbilder zu produzieren, politische Mobilisierung zu organisieren und autoritäre Fantasien zu legitimieren. Sexualisierte Gewalt ist anschlussfähig an drei ideologische Grundpfeiler des Rechtsextremismus: Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus. Ein Blick auf den extrem rechten Diskurs über den Fall Ulmen/Fernandes zeigt genau diese Deutungsmuster.

via belltower: Der Fall Fernandes Wie Rechtsextreme den Schutz vor sexualisiertem Missbrauch instrumentalisieren

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