Bundesanwaltschaft nimmt neue Ermittlungen auf. Bundesregierung wollte dazu kein Geheimdienstwissen mitteilen. Für eine Zündung am 9. November 1969 deponierte der Verfassungsschutzspitzel Peter Urbach, nachdem er zuvor bereits Molotowcocktails und Pistolen in der Studierendenbewegung verteilt hatte, eine Bombe in einem Getränkeautomat der Berliner Jüdischen Gemeinde. Zum Gedenken der Novemberpogrome von 1938 befanden sich rund 250 Menschen in dem Gebäude – der Sprengstoff zündete aber nicht. Die Verantwortung für den Anschlag übernahm zwar die Stadtguerilla-Gruppe »Tupamaros Westberlin«. Deren Mitgründer Dieter Kunzelmann schrieb jedoch in seiner Autobiografie, eine solche Aktion verbiete sich »angesichts der deutschen Vergangenheit von selbst«. Vier Monate später soll – nach bisheriger Lesart – aus demselben Milieu ein Anschlag auf ein ehemaliges Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Münchner Reichenbachstraße erfolgt sein. Der Täter hatte Brandbeschleuniger im Treppenhaus verteilt und angezündet, fünf Männer und zwei Frauen erstickten im Rauch oder verbrannten an diesem 13. Februar 1970, einem Sabbat, in ihren Zimmern. Der den »Tupamaros München« zugeschriebene Angriff auf Jüd*innen war der bis dahin schlimmste nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Beide Taten galten der Bundesrepublik der 70er Jahre als Beleg, wie antijüdische Ressentiments unter dem Deckmantel des Antizionismus auch in der militanten Linken Einzug gehalten hätten. Warm gehalten wurde die These mit Bezug auf den Münchner Anschlag bis in die Zehnerjahre insbesondere von der Springer-Presse und dem Bewegungsforscher Wolfgang Kraushaar. Nun erhält sie aber einen gehörigen Knacks: Wie der »Spiegel« vergangene Woche berichtete, geht der mehrfach tödliche Brandsatz wohl auf das Konto von Bernd V. Der 1944 geborene »Mann mit dem ›Hitler-Tick‹« sei ein mehrfach vorbestrafter Neonazi aus München gewesen, schreibt das Nachrichtenmagazin. Ein naher Verwandter sei damals Teil einer »Einbrecherbande« des Verdächtigen gewesen, hatte eine Zeugin Ermittler*innen erzählt. Die Frau soll sich im Januar 2025 zunächst an Andreas Franck, Oberstaatsanwalt und Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, gewandt haben, berichtete damals der Bayerische Rundfunk. Der »Spiegel« nennt nun Details zu ihrer Aussage. Am Abend des Brandanschlags habe die Gruppe demnach erfolglos in ein Münchner Juweliergeschäft einbrechen wollen. Daraufhin soll V. angekündigt haben, das in unmittelbarer Nähe befindliche jüdische Gemeindezentrum anzünden zu wollen. Eine frühere Zeugenaussage zu Aussehen und Alter des damaligen Täters passt auf Bernd V. Bereits als Jugendlicher soll V. durch Sprengstoffanschläge aufgefallen sein, später habe er schwere Einbrüche und Kunstdiebstahl begangen, außerdem Nazi-Devotionalien und Waffen besessen. Seinen »Hitler-Tick« erklärt der »Spiegel« durch die ideologische Prägung eines SS-Onkels. Obwohl auch die Aussage eines ehemaligen Mithäftlings zu V. als möglichem Täter vorlag, wurde die Spur in den 70er Jahren nicht konsequent verfolgt. Nach der Zeugenaussage von 2025 leitete die Generalstaatsanwaltschaft München zunächst ein Prüf- und nun ein neues Mordermittlungsverfahren ein. Eine Strafverfolgung ist jedoch nicht mehr möglich: Bernd V. starb 2020, ebenso seine mutmaßlichen Komplizen.

via nd: Anschlag von 1970: Münchner Neonazi statt Tupamaros als Täter

siehe auch: Neue Spur zum Anschlag von 1970 Der Mann mit dem »Hitler-Tick« soll das jüdische Altenheim in Brand gesteckt haben Sieben Menschen starben 1970 bei einem antisemitischen Anschlag in München, bis heute ist der Fall unaufgeklärt. Nun haben die Fahnder nach SPIEGEL-Informationen einen Verdächtigen ermittelt. (…) 55 Jahre nach dem Brandanschlag hatten die Fahnder um den Zentralen Antisemitismusbeauftragten der bayerischen Justiz, Oberstaatsanwalt Andreas Franck, einen Tatverdächtigen ermittelt. Anders als jahrelang öffentlich spekuliert wurde, ist der Mann nach SPIEGEL-Informationen weder ein arabischer Terrorist noch ein militanter Linksextremist – sondern ein notorischer Neonazi und justizbekannter Krimineller. Sein Name: Bernd V., geboren 1944, zur Tatzeit wohnhaft in München. Als junger Mann fiel V. immer wieder durch Diebstähle und Einbrüche auf, Zeugen beschrieben ihn gegenüber den Ermittlern als glühenden Antisemiten. Auf seine Spur waren die Fahnder gekommen, als sich Anfang 2025 eine Zeugin bei der Münchner Generalstaatsanwaltschaft meldete. Ein naher Verwandter, so berichtete die Frau, sei einst Mitglied in Bernd V.s Einbrecherbande gewesen. Vor Jahren habe der Verwandte im Familienkreis ein Geheimnis offenbart: Im Februar 1970, am Abend des Brandanschlags, habe er zusammen mit V. und einem weiteren Komplizen versucht, in ein Juweliergeschäft am Münchner Gärtnerplatz einzubrechen – in der Nähe des jüdischen Gemeindezentrums, in dessen Gebäude das Altenheim untergebracht war. Ernüchternde Erkenntnis Als der Einbruchsversuch misslang, sei V. immer wütender geworden und habe auf Juden geschimpft. Er habe auf das Gemeindezentrum gedeutet und sinngemäß gesagt: Jetzt werde er sie anzünden. Anschließend sei V. fortgegangen. (…) Hätten sich die Behörden damals näher mit Bernd V. befasst, wären sie auf einen jungen Mann gestoßen, dem Bekannte einen »Hitler-Tick« attestierten. V. war als Sohn eines wohlhabenden Zahnarztehepaares im Münchner Süden aufgewachsen. Seine Schulzeit verbrachte er zeitweise in Internaten. Zeugen beschrieben ihn als intelligent, aber auch als manipulativ und gewaltbereit. Eine wichtige Bezugsperson war offenbar ein Onkel, der einst der SS-Leibstandarte »Adolf Hitler« angehört hatte und den Heranwachsenden in »Liebe zum Führer« erzogen habe. So berichtete V. es einmal vor Gericht.

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Von EdelmauswaldgeistEigenes Werk, CC0, Link