Die Aufnahme vom mordenden SS-Mann in der Ukraine 1941 ist eine Bildikone des Holocaust. Ein Historiker hat nun den Täter identifiziert. Geholfen haben ihm ein Verwandter des Mörders – und künstliche Intelligenz. Die gewichsten Stiefel des SS-Unterscharführers glänzen, der linke Arm hängt lässig hinter dem Holster herab. Die Pistole in der Rechten zielt auf den Hinterkopf. Das Opfer blickt am Fotografen vorbei, der Mann mit dem dunklen Haarschopf scheint gefasst. Dabei lassen die Leichen in der Grube, an deren Rand er kniet, keinen Zweifel daran, was mit ihm gleich geschehen wird. Im Hintergrund sind 20 Männer zu sehen, fast alle in Uniform. Sie schauen zu. Ihre Gesichter spiegeln – soweit erkennbar – nur Interesse wider, kein Entsetzen. Als ob sie solche Verbrechen gewohnt sind. Die Aufnahme zählt zu den besonders bekannten und berüchtigten Bildern vom Holocaust. Sie ist in den vergangenen Jahrzehnten vielfach in Medien und Büchern publiziert worden, allein vom SPIEGEL mehr als ein Dutzend Mal. Über Täter, Opfer, Tatort und Zeitpunkt war allerdings nichts Genaues bekannt. Doch nun kann der Historiker Jürgen Matthäus wesentliche Fragen beantworten; er hat das Ergebnis seiner Recherchen in der renommierten Zeitschrift für Geschichtswissenschaft  veröffentlicht. Demnach verübte die SS das Massaker am 28. Juli 1941, wohl am frühen Nachmittag, in der Zitadelle von Berdytschiw in der heutigen Ukraine, 150 Kilometer südwestlich von Kiew. Die Provinzstadt mit damals rund 60.000 Einwohnern hatte einst zum polnischen Königreich gehört, dann zum russischen Zarenreich und zur Sowjetunion. Sie zählte seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Zentren jüdischen Lebens in der Region – bis ein Kommando der deutschen Einsatzgruppe C der »Sicherheitspolizei« und des »Sicherheitsdienstes« kam. Mit dabei: Jakobus Onnen, ein Studienrat für Französisch, Englisch und Sport, geboren 1906 im Dorf Tichelwarf in Ostfriesland. Er ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schütze auf dem Foto. Nach Matthäus’ Recherchen trat Onnen als 25-Jähriger noch vor Hitlers Machtübernahme 1933 der SA bei, der Parteiarmee der NSDAP. Ein Jahr darauf schloss er sich der SS an. In den Dreißigerjahren unterrichtete der Nazi in Witzenhausen bei Kassel an der Deutschen Kolonialschule. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurde er zur Ordnungspolizei ins polnische Płock westlich von Warschau abkommandiert. Spätestens im Juni 1941 dürfte Onnen seinen ersten Mord begangen haben. (…) Nachdem Matthäus seine Recherche 2023 in einer Fachzeitschrift präsentiert hatte, veröffentlichte die »Welt« einen Artikel darüber . Ein entfernter Verwandter Onnens las ihn und schrieb Matthäus an. Der Mann kannte das Bild und hegte schon lange den Verdacht, der Onkel seiner Frau sei der Mörder. Er gab Matthäus entscheidende Hinweise zur Lebensgeschichte Onnens und stellte Vergleichsfotos zur Verfügung. Und dann halfen dem Historiker ein ehemaliger Kriminalbeamter und eine private Recherchegruppe, die Open-Source-Intelligence nutzen, um Aufnahmen von Verbrechen auszuwerten. Das Resultat des Fotoabgleichs: Onnen ist mit einer Sicherheit von mehr als 99 Prozent der Todesschütze. Über die Opfer Onnens und seiner Kameraden ist hingegen bislang nichts bekannt.

via spiegel: Wie KI half, diesen Mörder zu identifizieren

siehe auch: Historian uses AI to help identify Nazi in notorious Holocaust murder image Jürgen Matthäus has for years been investigating the killer – and is confident he has finally solved the mystery. It is one of the most chilling images of the Holocaust: a bespectacled Nazi soldier trains a pistol at the head of a resigned man kneeling in a suit before a pit full of corpses. German troops encircle the scene. The picture taken in today’s Ukraine was long known, mistakenly, as The Last Jew in Vinnitsa, and was for decades shrouded in mystery. The US-based German historian Jürgen Matthäus has for years painstakingly assembled the puzzle pieces and, with the help of artificial intelligence, is confident he has identified the killer. According to findings, he has now published in the respected academic periodical Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (Journal of Historical Studies), the SS carried out the massacre on 28 July 1941, most likely in the early afternoon, in the citadel of Berdychiv. The city was for centuries a thriving centre of Jewish life. It is located 150km south-west of Kyiv and about 90km north of what is now known in English as Vinnytsia, which had long been considered falsely to be the site of the killings. The Einsatzgruppe C commando, one of several mobile units deployed in the newly occupied Soviet Union, had been engaged in clearing the region of “Jews and partisans” days before a visit by Adolf Hitler.

Categories: holocaust