Im KZ Dachau experimentierte die SS mit anthroposophischen Methoden und Mitteln – unter Einsatz von Zwangsarbeit. Auch die Naturkosmetikfirma Weleda spielte dabei eine Rolle. Die Haltestelle im Nordosten von Dachau, an der Anne Sudrow aus dem Bus 744 steigt, heißt noch immer »Kräutergarten«. Heute ist hier ein Gewerbegebiet, ein paar verrostete Gewächshausgerippe zwischen Grasflächen geben Hinweise auf das, was entlang der Straße einst passierte: Hinter Stacheldraht betrieb während des Nationalsozialismus die SS hier eine »Plantage«. Gärtner experimentierten mit dem »biodynamischen« Landbau, den der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner entwickelt hatte; Häftlinge des Konzentrationslagers (KZ) Dachau mussten dafür schuften. Der frühere Waldorfschüler Sigmund Rascher führte im KZ Dachau sogar Menschenversuche durch. Während der NS-Zeit war hier einer der zentralen Orte für die Entwicklung des ökologischen Landbaus in Deutschland. Und auch in der Geschichte der anthroposophischen Firma Weleda (Slogan: »Weil Naturkosmetik Vertrauenssache ist«) spielte die Anlage eine Rolle – eine, über den das international erfolgreiche Unternehmen mit Sitz im schweizerischen Arlesheim und in Schwäbisch-Gmünd bis heute nicht gern spricht. Sudrow, 55, ist Historikerin, sie hat am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam sowie am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt geforscht und gelehrt. In den vergangenen fünf Jahren hat sie die Geschichte der Dachauer Plantage erforscht, ihre Studie liegt dem SPIEGEL vorab vor. »Ich hatte vom biologisch-dynamischen Landbau ein sehr positives Bild«, sagt Sudrow. Dieses positive Bild aber habe sich durch ihre Untersuchungen relativiert: »Wie verhalten wir uns als Konsumenten den biologisch-dynamischen Produkten gegenüber, wenn wir wissen, was hier im KZ Dachau passiert ist? Ich glaube, dass da Aufklärung nötig ist.« Die DVA hatte Standorte an den KZs Ravensbrück und Auschwitz sowie in den besetzten Gebieten. Der zentrale Versuchsgarten aber war in Dachau. Das Forschungsgebäude und die Gewürzmühle stehen noch. Im Häftlingslager nur einige Hundert Meter südwestlich der Plantage internierten die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 mehr als 200.000 Menschen. Etwa 41.500 von ihnen starben an Hunger, Krankheiten, Folter und Mord: politische Gegner, Juden, Sinti und Roma, Schwule, Geistliche und »Arbeitsverweigerer« aus ganz Europa. Ehemalige Häftlinge erkämpften nach dem Krieg, dass zumindest das Gelände auf dem ehemaligen Häftlingslager zur Gedenkstätte wurde. Seit einigen Jahren arbeiten der lokalgeschichtliche Verein »Zum Beispiel Dachau« und die KZ-Gedenkstätte daran, auch die Plantage und die Zwangsarbeit auf ihr wieder sichtbar zu machen.

via spiegel: Versuche im Konzentrationslager Die Naziverbindungen der Naturkosmetikfirma Weleda

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