Die Vorwürfe sind haltlos. Doch unter Eltern in Freiburg kursiert ein Video über angeblichen Missbrauch an einer Kita. Innerhalb von Stunden gibt es auch Morddrohungen gegen die Kita-Leitung. Wie konnte das passieren? “Ich kenne den Fall persönlich” steht als Banner auf dem Video. Eine Frau, die sich als Kinderschützerin bezeichnet, beschreibt einen angeblichen Fall schweren sexuellen Missbrauchs mehrerer Kinder in einer Kita in Baden-Württemberg. Einen genauen Ort nennt sie zunächst nicht. Organisiert habe den Missbrauch die Kita-Leitung. Behörden würden den Fall vertuschen, hätten die Mütter der Kinder zum Schweigen gezwungen. “Die Welt ist nicht so, wie ihr meint”, warnt die Frau. “Beschützt Eure Kinder!” Gerüchte in Privatnachrichten – und Morddrohungen gegen die Kita-Leitung Anna S. (Name geändert) begegnet dieses Video am Mittwoch auf Instagram. “Ich sah es in den Storys von Freunden”, sagt die Mutter aus Freiburg. Sie will mehr wissen, vor allem, wo denn diese Ungeheuerlichkeit passiert sein soll. Die Urheberin anschreiben kann sie nicht, denn die hat diese Funktion deaktiviert. “Also schaute ich in die Kommentare”, sagt Anna S. Dort deuten Nutzer an, sie hätten mehr Informationen. In Privatnachrichten erfährt sie, wo sich der angebliche Missbrauch zugetragen haben soll: In einer städtischen Kita in Freiburg – ausgerechnet in dem Stadtteil, in dem sie selbst wohnt. Anna S. teilt das Video. Diesen Missbrauchsfall gibt es nicht, sagt die Polizei Freiburg. Ihr ist kein Sachverhalt bekannt, der den Angaben im Video entspricht. Es gibt keine Strafanzeigen oder Ermittlungen, die dem Fall ähneln. Doch die Internetnutzer wissen das nicht. Influencer mit Hunderttausenden Followern posten das Video, es wird über Whatsapp und auf Facebook geteilt. Am Donnerstagmittag, keine 24 Stunden, nachdem das Video viral geht, kursiert über Direktnachrichten und via Whatsapp ein Foto der Kita-Leitung der Einrichtung, die auch Anna S. als angeblicher Tatort genannt worden war. Darauf Name und Stadtteil der Kita – und eine Morddrohung. (…) Wie kann ein Video mit haltlosen Vorwürfen solche Kreise ziehen? Wer ist die Urheberin? Der Nutzername der Frau, die die Videos veröffentlicht hat, soll hier nicht genannt werden, um ihren Behauptungen keine weitere Reichweite zu verschaffen – denn die Videos sind weiterhin online. Ihr echter Name ist nicht ersichtlich, ihr Wohnort unklar. Im Impressum ihrer Website ist ein US-Bundesstaat angegeben. Auf eine Anfrage der Badischen Zeitung reagierte sie nicht. Das Video mit den Missbrauchsvorwürfen ist das erfolgreichste Video der Frau. Und es ist so erfolgreich, weil es sogenanntes Rage Bait ist. Rage Bait, das bedeutet Wut-Köder. “Menschen werden mit Wut geködert, um einen Inhalt weiterzuverbreiten”, sagt die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun. Nocun ist Fachfrau für Verschwörungsideologien, hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben. Wer sich die Social-Media-Accounts der Video-Urheberin, ihren Telegram-Kanal und ihre Website anschaut, sieht schnell, dass sie nicht nur vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder warnt, sondern auch vor einer angeblicher “Frühsexualisierung” durch Aufklärung, vor den Impf-Empfehlungen der STIKO und vor Chemtrails. Sie teilt auch Videos, in denen behauptet wird, vermeintliche “Eliten” würden das Blut gequälter Kinder als Verjüngungselixir trinken – die sogenannte Adrenochrome-Verschwörungserzählung. Nach eigenen Angaben wurden mehrere ihrer Social-Media-Konten schon gesperrt – für sie ein Hinweis darauf, dass eine angebliche “Pedo-Mafia” ihre angebliche Aufklärungsarbeit verhindern wolle. Dass jemand angebliches Engagement gegen Kindesmissbrauch mit Verschwörungsideologien vermischt, überrascht Nocun nicht. “Vermeintlicher Missbrauch von Kindern ist Kern der international weit verbreiteten Verschwörungserzählung Qanon.” Der angebliche Kampf gegen Missbrauch erfülle dabei mehrere Funktionen: “Man sieht sich selbst als Helden an, als die wenigen, die bereit sind, für Kinder einzutreten, während alle anderen schweigen.” Zudem würden die vermeintlichen Täter so zu maximalen Bösewichten gemacht – und mit dem Missbrauchsvorwurf auch Gewalt gegen sie legitimiert.

via badische zeitung; Gefährliche Lügen auf Tiktok und Instagram verunsichern Kita-Eltern in Freiburg

siehe auch: Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet Freiburger Kitaleiter online mit Mord bedroht Die Stadt Freiburg hat Anzeige erstattet, weil es in den sozialen Medien Anschuldigungen gegen einen Kitamitarbeiter gab. Auch für Kinder und Eltern hat der Vorfall Folgen.