Heute soll es Bezahlkarten für Geflüchtete geben, vor 30 Jahren probierte man es schon mit Gutscheinen. Doch solche Alltagserschwernisse halten kaum jemanden von der Flucht ab. So wirkt man dem Fremdenhass nicht entgegen, sondern man reproduziert und multipliziert ihn. Es geht dabei um Abschreckung und um Demütigung im Alltag. (…) Bei den alten Kamellen handelt es sich um die sogenannten Bezahlkarten, um Chipkarten also, die Flüchtlinge künftig an der Stelle von Bargeld erhalten sollen; die Flüchtlinge sollen mit dieser Chipkarte einkaufen gehen; das Bargeld, das ihnen zur Verfügung steht, soll auf ein kleines Taschengeld, in Bayern 50 Euro im Monat, begrenzt werden. Die Erschwerung des Alltags und die Diskriminierung – discriminare heißt trennen, unterscheiden, absondern -, die damit einhergehen, werden billigend in Kauf genommen. Mehr noch: Diese Zurücksetzung ist volle Absicht, sie ist geradezu Ziel der Maßnahme. Asylbewerber und Geduldete sollen, das ist das Ziel der Aktion, im Alltag als Außenseiter erkennbar sein. Und der Unmut beim Stau an der Kasse, die mitleidigen bis missbilligenden Blicke, sie gehören zum Abschreckungsprinzip, das das tragende Prinzip der Bezahlkarte ist. Mit der flächendeckenden Einführung schafft man Fremdenfeindlichkeit. In der Karte steckt mehr als ein Geldbetrag. In ihr steckt die Botschaft: “Seht her, die können nicht mit Geld umgehen; die sind anders; die gehören hier nicht hin.” Die demokratischen Parteien, die die Einführung dieser Bezahlkarte deutschlandweit beschlossen haben, reagieren auf fremdenfeindliche Stimmungen mit fremdenfeindlichen Praktiken. Die Karten sind Kamellen von gestern Bei den Chip-Bezahlkarten handelt es sich im Übrigen um Kamellen von gestern, weil es so etwas schon einmal gab – in der Zeit vor mehr als dreißig Jahren, in der Zeit also, in der das Asylgrundrecht geändert und von Flüchtlingen nur noch im Katastrophenjargon geredet wurde: “Dammbruch”, “Ausländerschwemme” und “Flüchtlingsfluten” waren die gängigen Vokabeln der Politik. (…) Dieses Gutscheinwesen wurde dann nach einiger Zeit wieder abgeschafft, weil es sich als unpraktikabel und unsinnig herausstellte. (…) Man wollte den Menschen so den Alltag sauer machen, man wollte verhindern, dass sie einen vom Mund abgesparten Teil ihres Geldes nach Hause zu ihren Eltern und Geschwistern schicken, man wollte den Schleppern die Einnahmequellen trockenlegen. Deshalb bekamen die Flüchtlinge papierne Lappen vom Sozialamt, mit denen sie bei Aldi und Edeka Toastbrot und Sauerländer Bockwurst kaufen konnten – Zigaretten und Bier kamen nicht in die Tüten, denn Rauchwaren und Alkohol waren ausgeschlossen. Auch das Wechselgeld durfte ein paar Mark nicht übersteigen. Der Einkauf in kleineren Läden, in Bäckereien, in arabischen Geschäften oder auf dem Wochenmarkt fiel aus. Die nahmen die Gutscheine nämlich gar nicht an; die Flüchtlinge, die damit einkaufen wollten, wurden mit bisweilen barschen Kommentaren aus dem Geschäft gewiesen. Zahlreiche Kirchengemeinden – Initiativen für die Flüchtlingshilfe waren vor dreißig Jahren dünn gesät – richteten damals Tauschbörsen ein. Sie kauften den Flüchtlingen Gutscheine ab und zahlten ihnen die entsprechende Summe Bargeld aus; zugleich riefen sie ihre Gemeindemitglieder dazu auf, nach dem Gottesdienst oder im Gemeindebüro diese Gutscheine zu kaufen und selbst damit einkaufen zu gehen. Die machten dann bei solchen Einkäufen aufschlussreiche Erfahrungen und warben immer mehr Menschen für die Tauschaktionen, die so immer größere Formen annahmen.

via sz: Bezahlkarten für Flüchtlinge sind eine Narretei

siehe auch: Comedian wettert gegen Flüchtlings-Bezahlkarte – und schildert “peinliches” Erlebnis. Die flächendeckende Einführung von Bezahlkarten für Flüchtlinge ist umstritten. Der in Siegburg geborene Comedian & Satiriker Abdul Kader Chahin lebte die ersten Jahre seines Lebens in einem Asylheim und hat Erfahrungen mit Zahlscheinen gemacht. (…) Der Comedian spricht sich daher gegen die Einführung von Bezahlkarten für Flüchtlinge aus, die er für diskriminierend hält. Von den Bezahlkarten erhofft man sich, Rücküberweisungen von Asylbewerbern in ihre Heimat zu verhindern. Gegenüber der “Rheinischen Post” äußerte sich Migrationsforscher Herbert Brücker kürzlich kritisch zu diesem Ziel: “Wir wissen aus Studien, dass nur 10 bis 20 Prozent der Asylbewerber überhaupt solche Rücküberweisungen tätigen. Nur ein sehr kleiner Kreis von Geflüchteten überweist also Geld zurück in die Heimat. Auch sind die überwiesenen Summen sehr gering”, sagte Brücker. Und: “Es gibt so gut wie keine belastbaren Erkenntnisse dazu, dass die Höhe der Leistungen für Asylbewerberinnen und Asylbewerber die Zahl der Asylanträge beeinflusst. Das gilt für Barzahlungen wie für Coupon-Zahlungen.”