Vor 70 Jahren versammelten sich in der bayerischen Stadt Landsberg Tausende, um gegen die Todesstrafe für NS-Kriegsverbrecher zu demonstrieren. Das Ereignis zeigt, wie gering das Schuldbewusstsein vieler Deutscher war. Die Landsberger haben sich herausgeputzt an diesem 7. Januar 1951. Es ist ein Sonntag und 4.000 Menschen sind auf den historischen Marktplatz gekommen – fast jeder dritte Einwohner der rund 60km westlich von München gelegenen Stadt. Der Krieg ist noch nicht einmal sechs Jahre vorbei und Deutschland erlebt gerade das sogenannte “Wirtschaftswunder”. Die Demonstranten haben ein christliches Anliegen: sie fordern von den Amerikanern die Aussetzung der Todesstrafe für 28 in Landsberg gefangene Männer. Gefällt hatten die Urteile die Richter der US-Militärjustiz. Und in Landsberg war das Gerücht umgegangen, dass die Hinrichtungen unmittelbar bevorstünden. Manfred Deiler hat das Ereignis dokumentiert. Er ist der Leiter der Europäischen Holocaustgedenkstätte in Landsberg. “Es war tatsächlich ein Querschnitt der Stadtbevölkerung an diesem Tag dabei. Es waren auch der Oberbürgermeister der Stadt Landsberg dabei, Stadtverordnete und es kamen auch Abgeordnete aus dem Landtag von außerhalb.” Gnade für SS-Kommandanten Die Solidarität der Bürger gilt allerdings nicht irgendwelchen Gefangenen. Es sind Männer, die für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte stehen: Oswald Pohl zum Beispiel. Als Leiter des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes war er in der Zeit des Nationalsozialismus maßgeblich an der Durchführung des Holocausts beteiligt. Oder Otto Ohlendorf, der als Kommandant einer SS-Einsatzgruppe für die Ermordung von mehr als 90.000 Zivilisten verantwortlich war. Im September 1941 meldet sein Stab aus der Sowjetunion an SS-Führer Heinrich Himmler und das Reichssicherheitshauptamt: “Arbeitsgebiete des Kommandos judenfrei gemacht. Vom 19.8. bis 25.9. wurden 8890 Juden und Kommunisten exekutiert. Gesamtzahl 17.315. Z. Zt. wird Judenfrage in Nikolajew und Cherson gelöst.” Pohl und Ohlendorf wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs verhaftet und wie hunderte weitere Gefangene vor den Toren Münchens in Landsberg am Lech im “US-Kriegsverbrechergefängnis Nr. 1” untergebracht. Landsberg: Stadt mit bewegter Geschichte Landsberg hatte im frühen 20. Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte erlebt. 1924 wurde hier Adolf Hitler, nach seinem missglückten Putschversuch im November des Vorjahres, inhaftiert und schrieb sein antisemitisches Pamphlet “Mein Kampf”. Während der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg entstand dann das Außenlager eines Konzentrationslagers: 23.000 Menschen wurden hier für die deutsche Rüstungsindustrie eingesetzt; die meisten waren Juden aus Osteuropa. Der Einsatz erfolgte nach der tödlichen Maßgabe des NS-Staates: “Vernichtung durch Arbeit.”

via dw: NS-KRIEGSVERBRECHER Deutschland 1951: Solidarität mit Massenmördern