Die russische Kriegspropaganda stößt bei deutschen Rechtsextremen auf offene Ohren. Denn auch sie träumen von einem eurasischen Bündnis gegen den Westen. Russland werde für die »Entnazifizierung« der Ukraine sorgen – so begründete der russische Präsident Wladimir Putin den Angriff seiner Streitkräfte auf den Nachbarstaat. Ähnliches ist auch von neostalinistischen Linken zu hören, die in Russlands imperialem Wieder­erwachen noch einige Trümmerstücke von Hammer und Sichel zu entdecken glauben. In der Ukraine drohe, behauptet Putin, ein »Völkermord« an der ­russischstämmigen Bevölkerung, weshalb eine Anerkennung der von Rebellen kontrollierten Territorien, die sich zu Russland gehörig fühlten, unumgänglich sei. Diese Argumentation birgt einigen Sprengstoff über den gegenwärtigen Konflikt hinaus. Ein Blick auf wechselnde Grenzverläufe in Osteuropa seit dem Ende der österreichisch-ungarischen, deutschen und russischen Imperien zeigt, wie gefährlich das Konzept ist, Staatsterritorien mit den Siedlungsgebieten sogenannter Volksgruppen zu identifizieren. Denn es finden sich kaum Gebiete, die nicht sprachlich, ethnisch und religiös gemischt wären. (…) Angesichts des russischen Angriffs dreht sich allerdings die öffentliche Meinung und der AfD drohen die Felle wegzuschwimmen. Die Verurteilung des russischen Einmarschs durch die Parteiführung war reine Formsache. Da sie all ihre Energien für den Kampf gegen die »Corona-Diktatur« gebündelt hat, versucht die AfD, sich beim Thema Russland wegzuducken. Die Hauptschuld an dem Konflikt schiebt sie allerdings weiterhin auf die USA. Damit steht die AfD nicht allein, ein ähnliches Verständnis von Geopolitik bestimmt fast überall auf der extremen Rechten die Sichtweise. Der russische Faschist Alexander Dugin hat nun die »russisch-eurasische Mobilisierung« für eine »große slawische Reconquista« ausgerufen. In der NPD hat man sich schon 2014 für Russland entschieden, da es von den USA bedrängt werde. Um die Amerikaner endlich aus Europa zu entfernen, bedürfe es einer starken Verbindung mit Moskau. Diese Überlegung teilen alte und neue Rechte, seit Jahren fordern sie, an die Stelle des transatlantischen möge ein eurasisches Bündnis treten. Im ungeschriebenen Zusatzprotokoll dieses Phantasiepakts müssen dann eben unbedeutende ­Nationen zwischen den Wunschtitanen Deutschland und Russland über die Klinge springen. Neben solch Erwägungen ist für die äußerste Rechte vor allem der kulturpolitische Kurs Russlands anziehend. Im Oktober 2021 vertrat Putin vor dem renommierten Diskussionsclub Waldai in Sotschi seine Sicht von Russland als einer konservativen Großmacht. Die Ausführungen des russischen Präsidenten ­bedienten weite Teile des Repertoires westlicher Wutbürger: Durch cancel culture, Homo-Ehe und Gender-Mainstreaming seien die westlichen Ge­sellschaften nur noch einen Schritt vom Bolschewismus entfernt. In seiner ­Ansprache kurz vor dem Einmarsch sprach Putin zudem noch von einer »Dekommunisierung«, da die Ukraine ein Geschöpf Lenins sei. Putins Reden zeigen einmal mehr, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn Autokraten sich als Historiker betätigen. In der Verwischung historischer Kategorien kann Putin der globalen Rechten von AfD bis Donald Trump das Wasser reichen.

via jungle: Deutsche Rechtsextreme sympathisieren mit dem russischen Regime – Eurasische Reconquista

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